Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.1 Gründer (12)

 

„Du kannst nicht moderieren. Hört man schon!“, lautete Tennessees kategorisches Urteil mir gegenüber.

Im Gegensatz zu meiner Talk-Show-Moderation acht Jahre zuvor, hätte ich in der Magazinsendung fertige Texte bringen müssen. Die Vorstellung, mir von anderen Begriffe oder ganze Kausalketten, in Form von Fragen an Dritte, in den Mund legen lassen zu müssen, schauderte mich. Ich ließ es laufen.

Tennessee hatte Übungen, die er jedem, der anfing, aufbrummte. Lektion Nummer eins war, ‚Umfrage’ machen. In innerstädtischen Einkaufsstraßen galt es, mit dem Mikrofon Leute aus dem Fußgängerstrom heraus zu spießen und zu befragen.

Nimm das Aufnahmegerät! Dann machst Du eine Umfrage! Warte einmal! Wir finden schon was.“

So etwas machten die Werber von Organisationen, die Spenden sammeln oder Abonnenten verpflichten wollten. In journalistischer Hinsicht wäre das Schaum schlagen, Bühnennebel blasen. Ich protestierte. Ich behauptete, ich hätte das schon bei den Einstellungsgesprächen abgelehnt.

Tennessees Gesichtszüge verhärteten sich, „Du machst eine Umfrage!“

Ich lebe schon eine Weile hier. Viele in der Stadt kennen mich. Denen kann ich nicht mit solchen Fragen kommen!“

Pass auf! Du fragst: ‚Was halten Sie von Friedrich Nietzsche?’“

Gegenvorschlag: Ich führe ein Gespräch mit einem Philosophie-Dozenten der Uni.“

Du machst eine Umfrage! Dann frag halt: ,Kennen Sie Friedrich Nietzsche?‘ Das ist ganz leicht. Das kannst du.“

Ich hatte Respekt vor Tennessee. Für mich war er Schriftsteller. Ich hatte ihn einmal in der ,Gerber‘, dem besetzten Haus, an der Bar direkt auf die Nase zu, nur auf Verdacht hin gefragt, an was er gerade schrieb. Tennessee hatte geantwortet, er hätte Kurzgeschichten in einer Anthologie im Selbstverlag veröffentlicht. Er tat so, als wäre, dass man ihm den Schriftsteller ansah, ganz selbstverständlich.

Du machst eine Umfrage!“

Tennessee hatte zu DDR-Zeiten Straßenbahnfahrer gelernt. Tag für Tag, pünktlich. Wäre er zu dem Entschluss gekommen, abzubiegen, hätte er vorher erst Schienen verlegen müssen. Ich kannte seine Biographie noch nicht. Ich habe sie erst, nachdem ich ihm ein Buch abgekauft hatte, im Nachwort gelesen.

Du machst eine Umfrage!“

Ich wusste von einem Podiumsgespräch. Darum sollte es offenbar gehen. ‚Ob man diverse Intellektuelle zu Wegbereitern des Nationalsozialismus erklären könne’, wurde dem Sinne nach die rhetorische Frage gegenüber gängigen Ressentiments gestellt. Bei den Referaten war Nietzsche und unter anderen auch Ernst Jünger thematisch vertreten. Mein Bekannter, der Philosophiedozent, war einer der Referenten. Mir gelang es, ihn zu einem Gespräch zu animieren. Es wurde ein Siebenminüter, die Kriegsdarstellung bei Erich Maria Remarque gegenüber der Ernst Jüngers. Das Gespräch war glänzend. Ich zog nach Kräften über Jünger her, wenn sich meine Kenntnisse auch, was kaum auffiel, nur auf dessen ‚Stahlgewitter’ beschränkten und Jahrzehnte zurück lagen.

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