Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.3 Sylvias Hauptrolle 2

Sylvia umgab sich gerne mit einem Damen-Zirkel. Die silbergelockte Sekretärin des Managers war darunter, sowie eine Ordnung liebende Person, die den Veranstaltungskalender organisierte, und Helga, eine Art Hausfrau für den Hausbetrieb und gleichzeitig Amtsblättchen interner Neuigkeiten und Gerüchte.

Sie saßen zusammen in ihrem Programmchefinnenräumchen und klatschten bei einem Filterkaffee mit erhöhten Sodbrennwerten den Betrieb durch. Eine weitere Haus-Gouvernante mit dem Prädikat ‚Spätlese’ gesellte sich gerne hinzu. Sie gehörte nicht zum engeren Kreis dieses Feminats. Auch sie war aus einer Schauspiel-Karriere ausgestiegen. Sie verfügte über einen Habitus zwischen Pippi-Langstrumpf und Leni Riefenstahl. Sonntagvormittags in einer eigenen Talk-Sendung ging sie im Dialog mit Einzelnen oder einer Gruppe auf Äther. Ihre Themenfelder reichten vom Live-Studiogespräch mit einem Mütterchen, das eine Initiative zur Fütterung und Pflege der Igel im Stadtgebiet gegründet hatte bis hin zu Telefoninterviews mit Mitgliedern einer Organisation, die gegen die Genitalverstümmelungen junger Mädchen in Nordafrika kämpfte. Sie war Operetten-Anhängerin. Wann immer sie ihr Weg durch das Treppenhaus des Sendegebäudes führte, versetzte sie die kahlen Wände mit ihrem Gesang in Schwingungen. Keine erkennbaren Melodien, sie pflegte eher eine Art Etüden. In der Stadt jedenfalls war sie zu Hause. Sie wusste, was lief.

Ein Duo aus zwei älteren Schauspielern hatte den ‚Faust‘ in Verse vom Goethe’schen ins Wilhelm-Busch-hafte übertragen. Sie hatte die Beiden in einer volkstümlichen Kneipe gehört und war hingerissen von dieser Art literarischen Frevels. Sie versuchte über Sylvia was zu drehen. „Man könnte doch im Sendesaal … der steht doch sowieso oft leer?“

Die beiden Mimen mochten angeblich das Stadtradio, würden auch eventuell was im Programm mitmachen. Sylvia war empört. „Wir sind Stadtradio, kein Schmierentheater!“

Kurze Zeit später spielten die Beiden über zwei Monate hin zweimal pro Woche im Sendesaal. Mit entsprechender Werbung im Stadtradio waren ihre Shows stets ausverkauft. Die Operettenliebhaberin wurde nicht in das Stück einbezogen. Gretchen wurde offenbar in der dritten Person abgehandelt. Noch über ihr Location-Management hinaus diente sie sich dem Schauspieler-Duo an, das Publikum in den Umbaupausen zu unterhalten. So wie sie es aus ihrem Job als Stadtführerin gewöhnt war, führte sie die ganze Herde, mit Erläuterungen und kleinen Scherzchen durch das Sendegebäude. Tom saß mit Kopfhörern auf den Ohren an einem der Computer in der Redaktion. Er war in die Farben und Flüsse seiner Klangwelten abgedriftet. Irgendetwas musste sich am Rande seines Wahrnehmungsfeldes neben dem Monitor bewegt haben. Er schreckte auf. Zu spät! Sie kamen. Wohin er sich auch wandte, Augenpaare waren auf ihn gerichtet. Kein Erbarmen. Er riss den Kopfhörer herunter, flüchtete auf den Balkon. Sie folgten. Er bahnte sich einen Weg zur Eingangstür, stürzte durch das Publikum die Treppe hinunter. Einen Mann mit einem Gesicht, komplett mit knallroter Farbe wie Lippenstift angemalt in einem Kunstseide-Talar und zwei Hörnern auf der Glatze schob er beiseite, bevor er den Ausgang erreichte und vor dem Gebäude auf dem Bürgersteig wieder nach Luft schnappen konnte.

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