Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.2 Ottmar Schmieling Kommunikation 15

Freitagabend gemeinsames Abendessen in einer Tagungs-Herberge. Die Redaktion hat sich in Klausur begeben. Der Samstag ist für gemeinsame Besprechungen vorgesehen. Abends Bratwurst-Grillen mit Bier. Sonntagvormittag abschließende Besprechung, anschließend Mittagessen und

Abreise. Ottmar Schmieling hat sich Mühe gegeben. Die zeitweilige Redakteurin mit der perligen Stimme hat es geschafft, den Job für Vorbereitung und Organisation der Klausur erteilt zu bekommen. Wann immer sich Gelegenheit bietet, himmelt sie Ottmar Schmieling an. Bei kleineren Aktionen wird sie auch schon einmal mit der Leitung der jeweiligen Gruppe betraut. Ihre Anrede wechselt immer wieder in ‚Kinder’. „Wenn ihr runter ins Dorf geht, Kinder, dann seid bitte pünktlich … seid so nett, Kinder, und sagt vorher Bescheid!“
Nach der Ankunft formieren sich alle auf im Kreis gestellten Stühlen. Jeder soll seinen Nachbarn beschreiben. Mädchen sind darunter. Neben mir sitzt eine. Ich sage etwas von natürlicher Eleganz, was auch ankommt. Das Bier ist frei. Ich beschließe, mich volllaufen zu lassen. Beim Trinken merke ich, dass, zumindest einige der Männer, denselben Vorsatz gefasst haben. Ottmar Schmieling greift sogar zur Kornflasche. Ich relativiere den ursprünglichen Vorsatz. Ottmar Schmieling verlässt die Szene durch die Toreinfahrt des Tagungsstättengeländes. Er kommt später zurück, zeigt an einen Punkt, etwas über dem Horizont in den Nachthimmel. „Dahinten musste bis auf den Hügel hoch gehen, um Verbindung zu kriegen.“ Sein Atem kondensiert zu Alkoholwölkchen. Er hat gerötete Augen. Es ist kalt, ihm laufen, nichts besonderes bei dem Wetter, Tränen über die Backen.
Nach einer Weile: „Der hat mich gefragt, was ich beruflich vorhabe. Ich hab’ s ihm ehrlich auseinandergesetzt. Das fand der nicht besonders gut. Der hat das nicht kapiert. Die haben doch alle einen Schlag die Ossis.“
Ich gebe ihm Recht und erkundige mich, ob er einen neuen Arbeitgeber in Aussicht hätte.
„Ach so, nein, der Vater meiner Freundin, also Schwiegervater gewissermaßen.“
Ich zeige in die Nacht. „Haste mit dem gesprochen?“
„Jetzt am Telefon. Blödsinn, nein, das war schon vorletzte Woche, so mit Essen und so.“
„Und was meint sie dazu?“
„Sieht gerade nicht so gut aus, das Thema.“
„Tschuldige! Tut mir leid.“
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück erste Besprechungen in einer Runde. Ottmar Schmieling begrüßt. Der Manager sagt, alle sollten in die Mitte kommen und sich im Kreis aufstellen. Alle, etliche Silberhaare darunter, folgen seiner Aufforderung. Gehorsam herrscht.
Der Manager sagt, „Ich hab’ mal Spieltheorie studiert.“
Ottmar Schmieling nickt anerkennend.
„Jetzt wenden wir uns alle nach rechts und gucken auf den Rücken unseres Nebenmannes, oder, ach so, Nebenfrau, also, den Rücken der Nebenfrau. Und jetzt nimmt jeder einen kleinen Gegenstand wie ein Feuerzeug, einen Schlüssel, eine Rolle Pfefferminz oder was entsprechendes, was man so in der Hosentasche hat.“
„So hat jeder was? Ich hab hier noch ’n Kronkorken-Öffner. Will den einer?“
„Fängt der auch noch mit so ´ner Wessi-Scheiße an!“, wird gemault.
„OK, und jetzt wirft jeder das, was er da hat, hoch, macht gleichzeitig einen Schritt nach vorne und fängt das auf, was sein Vordermann hoch geworfen hat. Das, was er selbst geworfen hat, fängt der Hintermann, ach so, oder Hinterfrau, ihr wisst schon! OK? Also: Hopp! Und noch einmal … Hopp! … Hopp! … so geht es etwa dreißig mal … So! Und wenn jetzt jeder wieder das in der Hand hat, was er am Anfang hoch geworfen hat, dann setzen wir uns alle wieder.“
Im weiteren Verlauf werden tellergroße, rote Pappen verteilt. Man soll, was einem am Stadtradio besonders wichtig wäre, mit dicken Filzstiften darauf schreiben. Danach stellt jeder seinen Pappdeckel vor. Ottmar Schmieling versichert immer wieder, das würde alles dokumentiert und an alle verschickt. Weiter geht ’s damit, was einen im laufenden Betrieb stört. Das kommt auf den gelben, welche Inhalte man in dem Programm vermisst auf den hellblauen, quadratischen. Zum Schluss der Aktion fotografiert er mehrere voll gepinnte Stellwände. Eine Aufnahme des Gemenges soll einige Wochen später jedem als Anhang zu einem Protokoll per Email zugeschickt werden.

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