Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap. 1 Gründer (1)

„Haste gehört? Egon ist tot.“ Gabis Schuhe klackern über den Steinfliesenboden der ‚Blauen Rose’. Ihre Armreife klimpern. Vor mir setzt vom Bierdeckel gedämpft ein Glashumpen Bier auf. Gabi wischt mit einem Läppchen über den Holztisch, greift den Aschenbecher, Kurt, gegenüber, schnauft. Sie klatscht gegen ihren Oberschenkel, „Tot ist der, der Egon, der Russe, den kennste doch!“

Kurt sieht auf, grinst, streckt den Kopf vor. „Verbrannt“, schlupft ihm heraus und löst ein Fiepen aus der Nase aus. Er schüttet einen Schluck dagegen. Bier platzt heraus, er quietscht, es nieselt, Tränen quellen. Ein Tropfen bahnt sich einen Weg über Stoppeln zur Kante an der Oberlippe.

Russen sind Ausländer, die eigenen Ausländer. Italiener, Spanier, Griechen, Tunesier kann man darstellen, verehren, verurteilen. Über Russen, Rumänen, Tschechen, Polen werden schon Bemerkungen abgelehnt, bestenfalls korrigiert. Gabis Läppchen gleitet vor Kurt im Zickzack über den Tisch. „Du Arschloch, du blödes. Also ich glaub ’s nicht. Der eine kratzt ab. Und du sitzt hier, säufst Bier und lachst dir ’n Ast oder wie? Also so was, ich glaub ’s einfach nicht!“

Kurt wirft den Kopf in den Nacken und reißt dabei den Unterkiefer soweit auf, dass sein Kinn, als hätte er noch eine Lache Bier im Mund, in waagerechter Stellung verharrt. Gabi trippelt ab, streicht ihre Locken zurück, haucht Abschätziges vor sich hin. Kurts Blick schwimmt hinter ihren Bewegungen her. Im Hintergrund zwei Ehepaare, Gäste. „Ist hier alles in Ordnung? Oder wollen se noch was?“

Ein Fingerzeig, sie nickt, „Ein Großes für den jungen Mann“, einen grauhaarigen Mittfünfziger, ,junger Mann’ ist Standard. Sie greift nach einem Glashumpen, ein Schwung unter den Zapfhahn, es läuft, sie schnippt gegen einen Hebel und murmelt. Der Schaum braucht seine Zeit. Ihre Züge entspannen sich. Gegenüber, hinter der getünchten Natursteinwand erstrecken sich Räume. Irgendeine Ebene, eine Landschaft, eine Savanne. Die Raubtiere, die umherstreifen, sind ihre Raubtiere. Sie beobachtet eine Herde Zebras, ihre Zebras oder ihren Spielmannszug. Vielleicht zieht eine Marching Band quer über einen Rummelplatz vorbei an Schießbuden mit Ständen, die rote Zuckerwatte anbieten. Der verborgene Rhythmus bewegt sich eine Horizontlinie entlang. Kurz vor dem Punkt, wo ihre Sichtachse auf Kurt getroffen wäre, faucht sie, senkt den Kopf, huscht über Kurt hinweg zur Eingangstür, dann wieder zurück.

Der Bierschaum hat sich gesenkt. Sie setzt eine Haube darauf. In einer gegen die Zentrifugalkraft gekippten Achse schleudert sie den Glashumpen, dreht ihn im Flug in die Gegenschräge, um ihn vor dem Gast landen zu lassen. Das gebrauchte Glas pendelt aus derselben Bewegung heraus zurück. Mit ihrem Läppchen wischt sie über die Tischplatte an den zwei frei gebliebenen Plätzen.

Ich komme von der Redaktion des Stadtradios. Einen Beitrag über den Auftritt eines ungarischen Star-Bratschisten in einer Schulturnhalle habe ich sendefertig gemacht. Ich bin noch nicht lange dabei. „Hätten Sie nicht vorher sagen können, dass das im Radio kommen soll? Dann hätte ich wenigstens noch die Zahnspange heraus nehmen können“, hat mich eine Schülerin angezischelt.

Die Auskünfte der Schüler, das Deutsch des Ungarn, die Musik, der Applaus, alles, was ich in Interviews erfragt oder mit dem Mikrophon eingefangen habe, habe ich auf mehreren Spuren in einem Schnittprogramm montiert oder besser: intermoduliert. Bei einem Interview kürzlich hat der Intendant eines Konzertfestivals für ‚Neue Musik’ bei einer Komposition von Karlheinz Stockhausen ,Intermodulation‘ fallen lassen. Stockhausen hätte konkrete Fragmente aneinanderzufügen als „intermodulieren“ bezeichnet. Er hätte „Intermodulation“ gegenüber „Collage“, oder „Montage“ bevorzugt. Er hat recht. Ich habe gemerkt, dass ich die Vorliebe teile.

Eigentlich habe ich nicht mehr hierher kommen wollen. Die ‚Blaue Rose’ ist während meiner Arbeitslosigkeit zur Stammkneipe geworden. Ich habe immer gepredigt, ,Wenn man etwas im Ablauf seines Alltags ändern will, muss man zunächst einmal seine sozialen Kontakte überdenken!‘ Jetzt funktioniert es nicht mehr. Labilität ist im Spiel.

Kurt geht einem auf die Nerven. Sein Auftritt kürzlich, bei dem es um Waldi gegangen ist, hat mich angekotzt. Jetzt sitzt er mir schon wieder gegenüber.

„Du weißt immer noch nicht, wer gemeint ist?“ Gabi ist verunsichert.

Wahrscheinlich sieht man mir die Abneigung gegen Kurt, die mir wieder hochgekommen ist, an. Waldi hatte sich in seinem Haus, draußen vor der Stadt, eingemietet. Er hatte unterm Dach ein Zimmer und hat Küche und Bad mitbenutzt. Waldi ist nicht runtergekommen. Kurt hat nach ihm gerufen. Keine Antwort. Auch nach einigen Wiederholungen, kein Ton. Er hat jede Diskretion fahren lassen und hat die Zimmertür geöffnet. Waldi hat auf dem Teppich gelegen, tot. Wenige Tage zuvor, Kurt war nicht da, hat er einem Angestellten der Elektrizitätsgesellschaft die Haustür geöffnet und ihm gezeigt, wo der Zähler hängt. Nach seinem Tod ist die Rechnung gekommen. Kurt hat unten am Bretterzaun seinen Blechbriefkasten, wahrscheinlich kurz vor dem Überquellen geleert und dabei nachgeguckt. Die erste Stromrechnung seit Jahren hat sich darunter befunden. Er hat nicht zahlen können. Damit war ’s aus mit Strom. ,Der Waldi hätte das anders machen sollen. Der hat erst den Ableser rein gelassen und ist anschließend gestorben. Genau die falsche Reihenfolge.‘

Kurt muss der Satz gefallen haben. Kaum ausgesprochen ist er zum nächsten gegangen, hat das Problem angerissen und: ,Der Waldi hätte das anders machen sollen. Der hat erst den Ableser rein gelassen und ist anschließend gestorben. Genau die falsche Reihenfolge.‘

Er ist quer durch die ‚Blaue Rose’ gegangen. Jeder, der Waldi gekannt hat, ist dran gekommen. Immer wieder. Aus: ,…erst den Ableser rein gelassen und dann gestorben. Genau die falsche Reihenfolge.’… ist einer von Kurts Loops, für die er bekannt ist, geworden.

,So eine Scheißnummer!‘ Mir ist schlecht geworden. Nicht einmal die Gelegenheit, ihn, wie Gabi mich gedrängt hat, Bescheid zu stoßen, habe ich wahrgenommen. „Der Kurt, diese Drecksau! … Den müsste man mal so richtig….“, hat sie geschimpft. Sie hat dabei offen gelassen hat, was man den eigentlich müsste.

Waldi ist in seinem Pass, wie sich herausgestellt hat, nicht mal als Waldemar gelaufen. Er hat Wladimir geheißen. Sein Vater war unbekannt. Er hat es einmal angedeutet. Er hat erzählt, ihrem Haus gegenüber habe eine Kaserne der russischen Armee gestanden. Seine Mutter sei, wie er selbst gesagt hat, eine Russenmatratze gewesen. Kurt hat schon vorher bemerkt, dass es bei ihm ebenfalls eine Russenkaserne in der Nachbarschaft gegeben habe. Er sei der Sohn seines Vaters, hat er behauptet. Es ist allerdings unverkennbar. Beide sind Klötzchen ohne Hälse mit kurzen Extremitäten. Seine Mutter habe das aber auch ganz gut gefunden, das mit den Russen nebenan. Es sind noch weitere Despektierlichkeiten gegenüber den eigenen Müttern und jede Menge Bier und Schnaps gefolgt.

„Auf den Egon!“, Gabi schiebt ein Gläschen Wodka neben mein Bier. Kurt geht leer aus. „Das ist Smirnoff. Smirnoff hat der doch immer haben wollen. Hab’ ich doch extra nur wegen dem gekauft. Wodka Gorbatschow schmeckt nach Rohöl, hat er behauptet. Und dann eine Runde nach der anderen.“

„Ach, so ein Großer! Kurzes, blondes Stoppelhaar.“

„Ja…endlich !“ Gabi hebt die Arme und lässt sie gegen ihre Hüften fallen.

„Noch nicht lange her,“, erinnere ich mich, „hat mindestens fünf Runden gemacht.“

Gabi bestätigt, winkt aber, um gleichzeitig anzudeuten, dass fünf Runden viel zu niedrig angesetzt seien, ab. Was allerdings nicht viel zu bedeuten hat. Sie neigt zu Übertreibungen.

Ich frage, „Heißt der nicht Igor? Und aus Russland kommt der auch nicht. Der ist doch Ukrainer.“

„Ja stimmt, Ukraine und außerdem … Igor. Aber den haben alle Egon genannt und da hat der auch nichts dagegen gehabt. Der hat sich manchmal sogar selbst so vorgestellt, als Egon und als Russe.“

„Netter Kerl! Der soll tot sein und auch noch verbrannt?“

Gabi stemmt die Hände in die Hüften, holt Luft. Der Auftritt, auf den sie gewartet hat. ‚Ich hab’ gedacht… ich glaub’s nicht… ich hab immer gesagt …..’ Wann sie was, woher gehört oder in der Zeitung gelesen hat. Warum sie nicht zur rechten Zeit hat da sein können, um es als erste zu erfahren. Punkt für Punkt werden halb vorbereitete Gedanken aneinander gereiht. Sie stützt sich auf den Tisch, spielt mit einem kleinen Haifisch, dem Anhänger ihrer goldenen Halskette. Sie lässt ihn abstürzen, klaubt ihn aus der Rille und lässt ihn, als sollte man das Spiel nicht aus den Augen verlieren, wieder in ihr Dekolleté fallen. Sie betont, wie sehr sie das alles mitgenommen habe. Es zeigt sich: Egon (oder Igor) war Samstagabend um 19.00 Uhr im Dachgeschoss einer Baustelle um die Ecke, wo er gerade beschäftigt gewesen ist, eingeschlossen gewesen. Dort gelagerte Dämmstoffe sind in Flammen aufgegangen.

„Was, um Himmels Willen, hat der denn abends um sieben auf dieser Baustelle gewollt?“

Gabi zuckt die Schultern, stößt Verwünschungen auf die Bautätigkeit aus und die Immobilienspekulanten aus dem Westen, die Schweine. Ist doch klar, dass es so kommen musste und außerdem überhaupt.

Sie holt ein Tablett, stellt einen Braunen vor Kurt, zischt ‚Arschloch’ und begrüßt neu angekommene Gäste. „Habt ihr schon gehört, Egon ist tot.“ Langsam füllt es sich.

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