Le lotte nella Radio di Weimar – Kap.1 Gründer (2)

In einem Ordner, soviel habe ich schon kapiert, sind die Sendungen des letzten Vierteljahres nach Datum und Uhrzeit archiviert. In einer Pause höre ich mir am Schnittcomputer über Kopfhörer den Mitschnitt vom Vortag an. Um exakt 7.45 Uhr die Lokalnachrichten. Der Lokalredakteur, ein abgestürzter Ex-Schauspieler kurz vorm Rentenalter, schnarrt in Bühnensprache: 

„ … Im Dachgeschoss eines Hauses in der Altstadt brannte am Samstagabend gegen neunzehn Uhr der Dachstuhl nieder. Ein Bauhelfer, der sich dort aufgehalten hatte, ko nnte nach dem Eintreffen der Feuerwehrwehr nur noch tot geborgen werden. Es handelt sich um einen 36jährigen Mann aus der Ukraine. Der Sachschaden beträgt nach ersten Schätzungen von Sachverständigen mindestens 150 000 €. Wie die Kripo mitteilt, steht der ukrainische Arbeiter allen Anzeichen nach nicht in Zusammenhang mit der Verursachung des Feuers. Es wurden Ermittlungen aufgenommen, ob es sich um vorsätzliche Brandstiftung gehandelt haben könnte. …’ Nach Sendeschluss, mittags um eins, die tägliche Sitzung. Ich komme noch einmal auf den Unfall. „In dem Neubau, der Russe, da müssen wir was bringen!“„Hamm’ wer schon. Wir hamm ’s in den Lokalnachrichten gebracht und dann das Interview mit der Feuerwehr.“

Ich bin überrumpelt. „War da einer von der Feuerwehr da?“

Nee, morgen kommt ein Telefoninterview.“

Ach so.“

Wieso? Haste noch was Besonderes?“

Vorlaut setze ich ein: „Der Bauherr von diesem Projekt, den kenn’ ich. War auch mal meiner. Außerdem kenn’ ich den Bauleiter. Der ist Bauingenieur. Mit dem hab’ ich mal partnerschaftlich zusammen gearbeitet.“

Haste mit denen gesprochen?“

Nee, noch nicht!“

Prompt kommt die Rechnung: Gut! Dann trag ich mal für morgen ein Gespräch von dir mit dem Bauleiter ein.“

Natürlich zu kurzfristig! Der Chefredakteur heißt ,Tennessee‘, Lederjacke, Springerstiefel, gelb-blond gefärbte Haare. „Bis morgen kann ich für nichts garantieren.“

Tennessee wendet sich an Cindy, kurzer Jeansrock, Lederstiefel bis zum Knie. In anderen Büroformationen würde sie Chefsekretärin genannt werden. Sie sagen keinen Ton, halten Blickkontakt. Ihre Augen haben sich zu Sehschlitzen verengt. Tennessee holt Luft, presst, „dann eben für Donnerstag“, und stöhnt.

Ein Mercedes neben der Autobahn auf der Transitstrecke auf ‚m Kopf.“ beginnt der Schmied gegenüber am runden Tisch. Ausnahmsweise hat er sich dazu gesetzt. Er ist immer noch der Ehemann von Gabi, der Wirtin der Blauen Rose. „Verstehste, die Autobahnen von drüben nach Westberlin, hießen früher Transitstrecken.“

Alle am Tisch sind gefesselt, Grinsen, Gekicher.

Else und Hermann fahren mit ihrem Trabi an der aufgerissenen Leitplanke vorbei, halten an, steigen aus, entdecken den Mercedes und gehen darauf zu.“

Der Schmied guckt in die Runde.

In dem Moment tritt der Förster mit seiner Flinte aus dem Unterholz und ruft: ,Wenn ihr Westgeld braucht, dann schießt euch gefälligst selbst einen!’“

Brüllendes Gelächter. Der Schmied presst, läuft rot an. Ich weiß nicht so recht und lache andeutungsweise. Kurt biegt sich vor Lachen. Allerdings über mein Verhalten, der Hund.

Jetzt hab’ dich nicht so!“ Die Hundertkilopondhand des Schmieds kracht auf meine Schulter, staucht mein Rückgrat. „Gabi! Zwei Fernet für mich und diesen Tom, diesen Wessi hier. … ,Dann schießt euch selbst einen!‘. Ist doch gut!?“ Er wiederholt den Schlag auf die Schulter. „Ach was! Gabi! Hör zu! Eine Runde für den ganzen Tisch.“ Einer sagt,„Für mich n’ Aro!“, ein anderer, „Für mich auch“.

Die Altstadt mit ihren mittelalterlichen Gassen, das Schloss, den Park, die Wohnviertel aus der Gründerzeit, die Herrschaftsbauten aus dem Dritten Reich, die industriell vorgefertigten Bauten in Großtafelbauweise aus der DDR, jeden Winkel in Weimar habe ich in der Anfangszeit mit meiner kleinen Freundin erkundet. Die Viertel haben eigene Straßenprofile, eigene Plätze, Zeichen in den Fassaden, Rhythmen in den Abfolgen, Beziehungen untereinander.

Die Stadt kenn‘ ich, habe ich versucht mir einzureden. Ich habe das Skelett untersucht, die äußere Hülle. Sobald ich vor ihrem Organismus stehe, bin ich ratlos, ich werde zum Außenseiter, zum Anfänger.

Ich will die Stadt begreifen, ich will wissen, wie sie sich bewegt. Das Stadtradio ist ein perfektes Instrument. Ich werde lernen, damit umzugehen. Es wird nicht leicht sein, in aller Öffentlichkeit den Anfänger zu markieren. Das Sendegebiet umfasst immerhin hunderttausend Einwohner, die mir alle bei den Ungeschicklichkeiten meiner Anfängerübungen zuhören können.

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