Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.4 Patricia Herberger 11

Immer wieder wechselten, zart und jung, die Praktikanten und Praktikantinnen. Sie saßen in Reichweite. Am liebsten hätte man sie in den Arm genommen und gestreichelt. Solche Illusionen, allerdings, nahmen sie wahr und spielten sie aus.

Eben noch mit Schmollen und Kulleraugen um Erklärungen und Hilfestellungen bemüht, verschoben sie, ohne nachzufragen, aktuell vorproduzierte Beiträge zugunsten ihrer eigenen Umfrageübungen auf den nächsten Tag. Sie besetzten Studiozeit und Arbeitsplätze und nahmen die Aufmerksamkeit der halben Redaktion in Anspruch. In ihrer Euphorie bei dem Hantieren mit dem für sie neuen Medium setzten sie ihre spitzen Ellenbogen ein. Tom konnte ihnen nicht böse sein, er wurde nur nachlässiger im Umgang mit ihnen. Auf die Mühe, sich ihre Namen zu merken, verzichtete er allmählich. Auch Laura gegenüber legte er sich mehr Zurückhaltung auf. Er befürchtete unterbewusst diesen Durchlauferhitzer-Effekt, den er schon so oft mit so vielen erlebt hatte. Sie sprach ihn an. Innerhalb einer Nano-Sekunde veränderte sich sein Zustand. Der Klang seines Namens aus ihrem Mund verbunden mit ihrem Lächeln zuckte durch alle seine Lebensnerven und ließ sie in höchsten Frequenzen vibrieren. Sie schlug das kleine Café vor, am späteren Nachmittag um halb fünf.

Sie bestellte Cappuccino, streute Zucker und löffelte den Schaum. Dieses schläfrige Lächeln in ihren Mund- und Augenwinkeln. Er ahnte darin immer auch einen Anflug von Spott. Sie sei zu der Ansicht gelangt, Pats Art, sich zu kleiden, sei albern. Tom hörte voller Hingabe zu. Leggins waren angesagt und waren das, worüber sie sich aufregte. Tom erinnerte sich an seine erste Freundin in der Teenager-Zeit. Vor einer Party oder überhaupt vorm abendlichen Ausgehen baute sie Hektik auf. Sie lief in Strumpfhosen herum, probierte einen Pullover und einen Rock nach dem anderen aus. Unter dem Zwang, eine Fassade für den Abend finden zu müssen, fragte sie ihn nach seinem Urteil, zog unabhängig davon alles wieder aus und wiederholte die Prozedur. Tom hätte sich gerne solange verdrückt, wusste aber, dass eine Verweigerung als kaum verzeihliches Delikt, als Anzeichen von Gleichgültigkeit und Ignoranz hätte gewertet werden können. Laura amüsierte sich. 

Tom beschrieb, wie er immer wieder von dem Eindruck befallen wurde, die Mädchen hätten keine Zeit gehabt, sich etwas Passendes auszusuchen. Sie bewegten sich in Provisorien, die erst noch vervollständigt werden sollten. Sie hatten tolle Figuren. Er sah ihnen gerne zu. War es nicht doch höflicher, sich vor die Tür zu begeben? Er saß in der Falle, ein Voyeur wider Willen mitten in einer Damengarderobe.

Pat, etwas robuster, kannte in ihrer Entschlossenheit, sich in Sachen Klamotten auf die Höhe der Zeit zu begeben, keine Hemmungen. Sie hatte ohne Zweifel von der Natur lange Beine abgekriegt. Nur da, wo nach oben hin wie bei den Praktikantinnen eine Taille hätte folgen können, hatte bei ihr der Wohlstand bereits Stauräume eingerichtet. Zu allem Überfluss schien sie einen Eklektizismus, der sich ‚Mustermix‘ nannte, als Gestaltungsprinzip angenommen zu haben. Laura bestätigte. Das sei, was sie meine, “Joggingschuhe in drei Neonfarben, quietsch-bunte Ringelsöckchen und Leggins, getüpfelt wie ein Strauß Feldblumen, darüber ein blass-grüner Sweater.“

„Komplementär zu ihrer Frisur, diesem Bausch aus roter Zuckerwatte.“, ergänzte Tom.

„Das kann sie in der Redaktion nicht bringen, als Programmchefin schon mal gar nicht!“

Tom bestellte einen Grappa, Laura ließ sich auch zu einem überreden. Das Rostrot ihres Pullovers passte zum Rehbraun ihrer Augen, die wenigsten Blonden könnten so warme Farben tragen. Außerdem käme bei dieser Farbwahl ihr Blond viel besser zur Geltung.

Laura winkte ab. Sie wollte wissen, wie Tom eigentlich seine Radioarbeit mit dem Leben und Wohnen in Weimar West, der Siedlung im Westen der Stadt vereinbaren könnte.

Er würde die beiden Welten, so gut es ginge, voneinander trennen. Sie hätte irgendwann einmal, erzählte Laura, aus der Siedlung raus gemusst, hätte es einfach nicht mehr ertragen.

„War ’s wirklich so schlimm?“

„Damals hat sich eine meiner Freundinnen ernsthaft überlegt, ein Paar Docs zu kaufen. Die galten einfach als schick. Die Jungs trugen sauber rasierte Heinrich-Himmler-Frisuren. Nichts durfte unter dem Helm hervorschauen. Wenn sie Wirbel hatten, schoren sie sich die Köpfe ganz kahl. Sie trugen Dr.-Martens-Schuhe, eben diese, wie sie auch genannt wurden, ‚Docs‘ und ‚Alpha-Industries‘, solche Piloten-Jacken über ‚Fred-Perry-Polohemden‘. Ihre Persönlichkeiten bewiesen sie mit dem Baseballschläger. Die Mädchen hatten Respekt.“

„Was haben denn die Lehrer gesagt?“

„Die mochten die. Die Frisuren fanden die ordentlich und die Klamotten sauber. Im Unterricht waren die richtig nett. Einer, den nannten sogar die anderen ‚Himmler‘, der war der beste. Und wenn die Lehrer was von Neonazikram erfuhren, dann wollten die das gar nicht wissen.“

Laura inmitten solch eines Neonazihaufens, Tom blieb der Mund offen stehen. Man konnte sehen, wie er die Bilder zu verarbeiten versuchte.

„Ein Älterer von denen, vielleicht achtzehn oder zwanzig, der hatte wohl ein Auge auf mich geworfen, das habe ich damals nur geahnt. Ich hatte Angst und habe ihn unauffällig beobachtet. Plötzlich sagt der unvermittelt, ‚wenn Du mich noch einmal anguckst, schlag‘ ich Dich tot!‘ Ich war fünfzehn. Nicht dass meine Eltern es verboten hätten, die gesamte Art dieser Jugendkultur hab‘ ich einfach nicht gemocht. Die Eltern haben vor der Obrigkeit gekuscht und haben das auch durch ihre Kleider gezeigt. Die Kinder wollten wenigstens zum Ausdruck bringen, dass sie bereit sind, für ihre Persönlichkeit, wenn nötig mit Gewalt einzustehen. Mir waren beide sowohl in ihrer Art als auch in ihrer Mode zuwider.“

Tom kannte an den Rechten aus seinem Viertel, oder besser an denen, die er dafür hielt, nur die Klamotten in Camouflage.

„Diese NSU-Gruppe, diese Neonazis um diese Zschäpe, das waren auch solche Typen aus meiner Generation.“

„Die waren aber um einiges härter drauf.“ „Die haben die Türken nur, weil sie nicht ‚ihre‘ Ausländer waren, umgebracht. Bei sich zu Hause, den vietnamesischen Gemüsehändler eine Ecke weiter, hätten die vielleicht schikaniert, aber nie umgebracht. Die haben in Nürnberg und in Hamburg, in einer fremden Welt, fremde Ausländer getötet. Die entstammen einer Generation, mit der niemand etwas anfangen konnte. Unsere Jugendtreffs wurden von Neonazis besetzt und die Eltern haben sich zu Hause vorm Fernseher eine Welt, in der sie zu leben meinten, reingezogen.“

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