Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.2 Ottmar Schmieling Kommunikation 41

Tom zog sich zurück an seinen Arbeitsplatz unterm Dach. Oben auf der Etage saß nur Anna. Sie arbeitete an der ersten und wahrscheinlich einzigen Seite eines Sponsorenbriefs. Tom mochte sie, er suchte das Gespräch. Wie es ihr bisher ergangen sei, wie sie hierhergekommen sei. Sie erzählte von ihrer Lehre und von ihren Eltern.

Sie hatte zwei Seiten. Sie gab in jedem Konflikt sofort nach, stellte, wenn zum Beispiel jemand kam, sofort ihren Arbeitsplatz zur Verfügung. Sie war bereit, über jeden Scherz zu lachen. Sie versuchte ständig alles, was sie selbst sagte, ins Lächerliche zu ziehen. Sie war scheu, fast ängstlich. Da war aber auch Härte und Bitterkeit.

Tom, meinte sie, erinnerte sie an ihren Therapeuten. Der hätte ganz ähnlich wie er auch immer die Ruhe weg gehabt. Im Gespräch mit ihr stieß Tom an Grenzen. Ereignisse während und nach ihrer Berufsausbildung schimmerten nur schwach aus einem Nebel heraus. Tom bohrte. Sie gab ganz offen zu, dass sie nicht darüber reden dürfte, jedenfalls nicht über alles. Nur objektive Daten zu den Grundbedingungen müsste sie nicht verschweigen. Sie wäre Hundeführerin gewesen.

Später einmal schaute sie außerhalb ihres Arbeitsplans bei einem Spaziergang in der Nähe des Radiogebäudes in Begleitung ihres Hundes bei der Redaktion rein. Tom nahm die Gelegenheit wahr, sich die Dinge, die sie ihrem Hund beigebracht hatte, zeigen zu lassen.

Sie lässt ihn eng neben ihr Platz nehmen. Er streckt die Schnauze hoch den Blick auf sie konzentriert. Sie macht ein paar Schritte, er bleibt auf gleicher Höhe. Sie wendet sich um. Der Hund schlupft um sie herum und sitzt wieder, Schnauze hoch, Blick zu ihr, an ihrer Seite. „Hundeführerin ist ja nicht gerade eine Geheimnisträgerin.“

„Oh, doch! Stell dir vor, da hat sich jemand verschanzt, womöglich mit Geiseln. Da kannste den mit so ‘m Hundchen erst mal ganz schön ablenken. Das kann entscheidend sein.“

„Haste auch geschossen?“

„Sehr gut sogar.“ Sie zeigt mit gebeugtem Arm auf Tom. Sie federt. „Spannung muss man haben, es darf nicht zu locker sein“, sie lässt ihren Arm pendeln, um die Lockerheit zu demonstrieren. Sie streckt beide Arme vor sich durch, faltet die Hände und deutet mit beiden Zeigefingern geradeaus. „So schießen ’se mit ihrer Pistole immer im Fernsehen. So schießt kein Mensch. Nur Schauspieler in Hollywood.“

„Den Arm starr und steif zu halten, bringt nichts.“ sie zeigt das Extrem.

„Immer schön elastisch!“ Sie federt wieder. „Und die andere Hand gibt dem Ganzen Präzision.“

Sie drückt mit der linken Hand gegen ihren Führungsarm, der Gegendruck ausübt. „So kannst du exakt schießen.“ Sie lässt den Blick aus dem rechten Auge über ihren ausgestreckten Zeigefinger direkt in Toms Auge gleiten. Röhrchentunnelblick. „Ich zeig dir mal was. Willste ’s sehen?“

„Na, klar!“

„Also! Es ist Häuserkampf. Du bist bewaffnet. Ich stürme dein Zimmer. Du musst versuchen, mich zu erschießen. OK?“

Sie verschwindet vor die Tür und schließt sie.

„Wie soll ich dich denn erschießen?“

Sie ruft von draußen, „Zeig’ einfach auf mich!“ Tom wartet. Die Tür springt auf, knallt gegen die Wand, Anna fängt auf dem Boden einen Sprung ab und zeigt mit beiden Zeigefinger aus ineinander gefalteten Händen von unten her hoch auf seinen Kopf. Er zeigt immer noch in Augenhöhe auf die Türzarge, während ihn Annas Kugeln durchbohren.

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