Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.3 Sylvias Hauptrolle 7

In ihrem Buch waren für Nike Wagner Scheußlichkeiten in ihrer Familiengeschichte, wie die freundschaftlichen Bande ihrer Großmutter, Winifred Wagner zu Adolf Hitler, kein Tabu. Den Dreck dieser Hinterlassenschaft auszumisten, hatte sich bereits ihr Vater Wieland Wagner bemüht.

Ein neues Bayreuth sollte entstehen. Nach seinem Tod, Mitte der Sechziger, wurde seine Familie aus der Villa Wahnfried komplimentiert. Im Rampenlicht der Medien wurde zurück gerudert. Seine Ansätze zu Wandlungen wurden ins Abseits gedrängt. Als promovierte Kulturwissenschaftlerin stellte sich Nike Wagner auf die Seite der Kritik gegen die Festspielleitung ihres Onkels Wolfgang und seiner Töchter. Sie hatte die Rolle der Intellektuellen übernommen und behielt sie. Die Bekanntgabe, das Ränkespiel auf dem ‚grünen Hügel’ nicht mehr kommentieren zu wollen, war Teil ihrer  Haltung.

Tom vermied jeden falschen Ehrgeiz. Er bemühte sich nicht einmal im Ansatz, Fragen in dieser Richtung zu stellen.

Für die Inszenierung von ‚Via Crucis’, einem Werk ihres Ur-Ur-Großvaters, des Schwiegervaters und Förderers von Richard Wagner, Friedrich Liszt, hatte sie Robert Wilson engagiert. Er sollte mit einem beträchtlichen Etat die Aufführung in einer Art gigantischer Scheune aus den dreißiger Jahren, der sogenannten Viehauktionshalle, ermöglichen. Sie war künstlerische Leiterin, ähnlich etwa einer Produzentin. Beide zusammen, so konnte man aus ihrem Auftritt schließen, schienen bei aller Arbeitsteilung in Raum einerseits und Klang andererseits, gestalterische Entscheidungen partnerschaftlich zu lösen. „Nike, do you agree?“ („Naikieh duu juu egrieh?“) fügte Bob Wilson immer wieder nach zwei, drei Sätzen an.

Von Hause aus Architekt, begriff er Theater als Einheit all der voneinander abhängenden und sich gegenseitig bedingenden Einzelheiten. Er gestaltete nicht nur die Bewegungen auf der Bühne, die Ausführung des Textes, der Gestik und der Mimik durch die Schauspieler, sondern in derselben Gewichtung und Sorgfalt erarbeitete er die Wirkung der Kostüme, die Richtung, Farbe und Intensität des Lichts, die Bühnenarchitektur, die Form der Requisiten, die Sitzordnung des Publikums, kurz: was in irgendeiner Weise sinnlich erfahrbar war, wurde zum Bestandteil seines Entwurfs, nämlich: alles. In der Art hatte er auch schon T.S.E., ein Bühnenstück über Thomas Stearnes Elliot zum Kunstfest Weimar im Juni 1996 in der Hetzerhalle als deutsche Erstaufführung gebracht. Tom meinte damals erkannt zu haben, was Theater, wenn sich ihm ein Architekt annimmt, werden kann.

Tom trat ihm gegenüber. Er blieb verschlossen. Es war nichts zu machen. Er feixte und zwinkerte und gab keinen Mucks von sich. Am kommenden Tag wäre Pressekonferenz, war alles, was aus ihm rauszuholen war. Nike Wagner war zugänglicher.

Zur ausgehenden Nacht in der Morgendämmerung kann der im Walde Wartende weibliche Wesen sich über den Teichen in den aufsteigenden Frühnebeln wiegen sehen. Nike Wagner stand vor Tom. Sie sprach in sein Mikrophon. Er fragte sie nach ihrer Haltung zur Architektur. Architektur habe Rhythmus, Klänge, sich wiederholende Motive. Architektur sei zu Eis erstarrte Musik, hätte der Satz, wie sich vermuten ließ, werden sollen, ihr kam ein, Musik sei gefrorene Architektur, über die Lippen. Sie schrieb die Metapher August Wilhelm Schlegel und nicht etwa, wie es gewöhnlich geschieht, Arthur Schopenhauer zu, womit sie einen Standard-Fehler an dieser Stelle ausgeräumt hatte. Arthur Schopenhauer hatte lediglich ‚zu Eis gefroren‘ anstatt ‚zu Stein erstarrt‘ variiert. Nike Wagner hatte somit, wie Tom entschied, den Versprecher ausgeglichen. Korrigierend einzugreifen, wäre ihm, als kleinlich, als zu magisterhaft erschienen. Man musste sie nur anschauen. Sie durfte das. Dann kamen wieder die Selbstvorwürfe hoch, er hätte sie in ihrem Satz unterbrechen und auf den Fehler hinweisen müssen. Er hatte sich in keinem Geplauder mit einer Bekannten befunden. Seine Rolle war stellvertretend für sein Publikum gewesen. Er hatte mit ihr zusammen noch eine Weile über wechselseitige Impulse der verschiedenen Kunstgattungen untereinander räsoniert. Er redete sich schließlich ein, den wenigsten Hörern würde der Versprecher auffallen.

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