Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.2 Ottmar Schmieling Kommunikation 30

Tennessee hängte ein Plakat im Sendegebäude aus: Auftritt seiner Band, Konzert und Lesung. In seinen eigenen Angelegenheiten sollte sich Tennessee nicht aus falsch verstandener Bescheidenheit zurückhalten.

Tom verfasste eine Ankündigung im Radio und produzierte ein Radiointerview mit ihm. Er nahm sich die Zeit und hörte sich in einer Gaststätte, die er früher gerne wegen ihrer deftigen Hausmannskost aufgesucht hatte, den Auftritt an. Mittlerweile war sie auf den Sohn und dessen Frau, beide Vegetarier, übergegangen. Sie hieß nicht mehr ‚Bratwursthäuschen’ sondern nur noch ‚Häuschen’. Aus der Szene waren Gestalten um die Gerber, Leitfiguren der Prekarier-Avantgarde und Leute aus einer Gruppe, die das Thema ‚bedingungsloses Grundeinkommen’ besetzt hatten, in das Vegetarier-Lokal gekommen. Tennessee schrammelte mit zwei Gitarristen selbstgemachtes deutsches Liedgut. Er las seine Texte, meistens Kurzprosa. Lyrisches war in den Liedtexten verarbeitet. Auch einer der beiden Mit-Gitarristen versuchte sich als Erzähler. Tramper auf einer Autobahn wehrten sich gegen Feinde, wie Yuppies und Mercedesfahrerinnen. Alle drei hatten Cowboyhüte auf und ließen sie, wenn sie sich verbeugten, auf dem Kopf.

Ein Jahr später, wieder im September, gab Tennessee wieder ein Konzert. Ort der Veranstaltung wieder das ‚Häuschen’. Tennessee kam gleich auf Tom zu, er rechnete mit ihm. Tom nahm sein Aufnahmegerät mit. Verwirrung zeichnete sich ab. Ein hilfloser Blick ins Publikum. Er kannte die Zuhörer nicht nur aus dem Stadtbild, sondern auch exakt in der Zusammensetzung vor ihm von letztem Jahr. In der Pause fragte er. „Kann es sein, dass ich dieselbe Vorstellung ungefähr vor einem Jahr genau in der Art mit jedem einzelnen Detail, einschließlich des Programms schon einmal gesehen habe?“

„Wir hatten keine Zeit zu üben. Ist doch egal! Wenn ’s Spaß macht!“ Tennessee gab Tom nach dem Konzert ein Interview. Er setzte es auf seine Web-Seite.

„Gerade das ist ’s doch. Gesetz der Serie … Loop. Kulturproduktion nach dem Vorbild der industriellen Produktion in zeitlicher Dehnung.“ Fred redete im Nero auf Tom ein: „Verstehste das nicht? Mit seiner seriellen Produktion immer am selben Ort wird er wegweisend, ein John Cage unter den Schriftstellern. Mit der nächsten Lesung seiner im Jahresrhythmus getakteten Serie geht er in die Literaturgeschichte ein.“

Das vegetarische Konzept des ‚Häuschens’ setzte sich nicht durch. Im nächsten September kam Tennessee auf Tom zu. Das Häuschen gäb ’s nicht mehr. „Kannst Du nicht einmal im ‚Falken’ oder in der ‚Bierstube’ nachfragen“, beides Kneipen, deren Köche Tom kürzlich im Rahmen seiner Kochsendung aufgetan hatte. Tom behauptete, er müsste ihn enttäuschen, keine der beiden Kneipen eigneten sich. Den eigentlichen Grund meinte er damit überspielt zu haben. Er wollte vermeiden, für Aufführungen wie die von Tennessee und seiner Gruppe gerade stehen zu müssen. Tennessee schlug einen neuen Ton an. Er maßregelte Tom wegen der falschen Datierung eines Anmoderation-Texts. Tom winkte ab, solche Bemerkungen über Lappalien gehörten nicht auf eine Redaktionsbesprechung mit fünf Leuten. Tennessee insistierte. Er erkundigte sich, aufgrund welcher Vorbedingungen, diese Fehlleistung denn überhaupt hätte passieren können. Eine überflüssige Frage, so etwas passierte nun einmal von Zeit zu Zeit. Was das alles hätte auslösen können! Tennessee gab Anweisungen, dass Tom in Zukunft seine Texte, bevor er sie abheftete, noch einmal durchlesen sollte. Tom schüttelte über dieses Übermaß an Impertinenz den Kopf. Tennessee fragte, ob er auch verstanden hätte, was er sagte, er wollte das nicht noch einmal sagen müssen. Tom musste ihn mit Nachdruck zurechtweisen.

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