Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.2 Ottmar Schmieling Kommunikation 13

Die erste Gelegenheit für ein Erfrischungsgetränk auf dem Weg hinunter von der Kuppe, auf der Kurts Häuschen steht, bietet die ‚Krähe’, eine Kneipe am Bahndamm. Wir unterhalten uns über den Aufstieg. Hinterm Tresen eine ca. Fünfundzwanzigjährige. Ihr Nabel liegt ausgerechnet dort frei, wo sie statt einer Taille einen Wulst hat.

Die alten Männer rufen , wenn sie bestellen wollen‚ ‚Salmonelle’. Kurts internationaler Durchbruch ist das Problem. Ein Tipp auf die Schulter. „Wo iss’n hier’n Clo?“
Ich weise auf eine Tür am anderen Ende. Der, der mich angetippt hat, versucht mich anzuvisieren. „Du kommst mit!“, lallt er.
Kurt ist verunsichert: „Ich?“
„Du kommst mit auf’s Clo!“
„Warum?“
„Du kommst mit!“
Ich schüttele den Kopf und fahre fort auf Kurt einzureden. „Du brauchst ein Konzept. Verstehst du!“
Kurt beobachtet abwechselnd mich und meinen Nachbarn.
„Kunst wird schließlich nicht nach hässlich oder schön verkauft, sondern nach der Theorie, die darin enthalten ist. Verstehste!“
„Mein Bild ist schön.“
„Ja, na klar, es ist schön. Ich meine ästhetisch-theoretische Kriterien.“
Wir haben es von einem monochrom goldenen Bild, eine der letzten Arbeiten Kurts. Gold lässt keine Abtönung zu. Er hat nur mit Texturen gearbeitet.
„Ein Galerist will eine Theorie geliefert haben. Das ist es, was der verkaufen kann. Die Leute mit Geld haben vor lauter Scheffeln keinen Stil und keine Inhalte mehr. Wenn Du denen ein bisschen Wortgeklingel, mit dem sie auf der nächsten Party brillieren können, in den Mund legst, dann sind die dabei.“
Ich schaue aus dem Augenwinkel auf den Nachbarn. Der hat sich beruhigt. „Was meinst Du, wie das zum Beispiel Andy Warhol gemacht hat. Der hatte aufgeblähte Comics in seiner Mappe. Leo Castelli, einer der angesagten Galeristen New Yorks, guckte sie sich an und meinte, er hätte Pech. Da wäre schon einer da gewesen, mit Namen Roy Lichtenstein. Das lag einfach in der Luft. Nicht mehr die Natur oder die gebaute oder soziale Umgebung wurde abstrahiert, sondern die Abstraktionen selbst, wie sie dir in der Wirklichkeit der Medien und der Konsumwelt als Waren begegneten, wurden abgebildet. Andy Warhol kam kurze Zeit später mit seinen Campbells Suppendosen zu demselben Galeristen. Die hat er genommen und ganz groß rausgebracht.“
„Guck dir Jeff Koons an!“
„Genau, der mit seinen Edelstahlpudeln aus Luftballonwürsten, massiv und tonnenschwer! Man hat sich ja an solche Verfremdungen gewöhnt, aber damals, das musst du dir mal vorstellen! Das war skandalös. Die hatten ja nicht mal den graphischen Entwurf selbst gemacht. Die waren nur bei der Farbwahl, bei den Mal- oder Drucktechniken und bei der Formatierung im eigentlichen Sinne kreativ. Deren Gag war hauptsächlich theoretischer Art.“
Der Nachbar ist ruhig. Mein Blick wird von einer Unregelmäßigkeit auf seiner beigen Hose angezogen. Ein dunkler Fleck zieht sich vom Schritt über den linken Oberschenkel hinweg. Ausgerechnet beim Mustern dieser Abtönung ins Dunkle erwischt er mich.
„Hast Du mir übergeschüttet, Kunde!“
Er deutet mit der Nase in Richtung seiner Hose.
„Entschuldigung, hab’ ich wirklich nicht gemerkt. Ich bitte vielmals um Entschuldigung!“ schwenke ich ein.
Er brummt. Seine Hose liegt hauteng an, irgendein elastisches Material. Erst am Schienbein sind die Hosenbeine leicht ausgestellt. „Das ist aber auch eine geile Hose. Wo haste die denn her?“
„Kleiderkammer. Die ’s OK. Die hatten sonst nur´en Haufen Scheiße.“
„Wieso Kleiderkammer?“
„Komm’ aus der Kiste.“
„Ach so!“ Ich nicke.
„Acht Jahre.“
Ich reiße den Mund auf und rufe Bilder von vor acht Jahren ab. Es ist keiner, der so was trägt, darunter.
„Salmonelle, mach noch zwei Bier!“ ruft er.
Sie fragt: „Zwei?“
„Ja eins für den da.“ Der Nachbar schwenkt seine Nase in meine Richtung.

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