Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.1 Gründer (6)

Wenig los in der Blauen Rose, gerade mal knapp über zehn Leute. So ein Abend, an dem alle abwarten und rumhängen. „Wir gehen rüber zu Tamara! Eine Runde geb’ ich aus. Kommt ihr mit? Ich mach’ hier dicht.“ Gabi hat manchmal Anwandlungen, ihrer eigenen Kneipe Konkurrenz zu machen.

Mit sechs, sieben Leuten fällt sie zehn Häuser weiter ins ‚Kalinka’ ein, darunter Kurt und ich. Begrüßung der Wirtinnen, Tamara ist Hausherrin und Gastgeberin. Sie fragt nach der Brandkatastrophe. Sie sagt, sie mache sich Sorgen. An dem Tisch gleich vorne neben dem Tresen, zwei Russinnen, ,Igor‘ ist Thema. Zwei junge Männer kommen aus der Küche. Gewöhnlich sind ein paar aus ihrer Russen-Gang im Einsatz. Der dicke Willy wird abschätzig begrüßt. Wahrscheinlich wegen der Hochzeit. Vor noch nicht allzu langer Zeit hat er in deren Auftrag angeblich für zwanzigtausend eine Russin geheiratet. Ein gealterter Ex-Bürgermeister einer Nachbargemeinde hatte gezahlt. Aus irgendwelchen Gründen hatte er es für unpassend befunden, sie selbst zu ehelichen. Willy hat nicht weiter gefragt und Wolfgang, der Trauzeuge, auch nicht. Danach sind beide, Mordsauftritt, in schwarzen Anzügen um die Häuser gezogen, haben natürlich die Russin bei ihrem Bürgermeister sitzen lassen, haben aber eine Runde nach der anderen springen lassen.

Ich schütte ein Bier ab, bestelle ein neues. Neben mir ist Willy eingeklemmt. „Das Stadtradio versucht in den öffentlichen Diskurs in Weimar einzugreifen.“

Willy nickt, lächelt verbindlich. Ich rede, ohne weiter auf ihn zu achten. Außerdem sollen die Russinnen denken, ich sei im Gespräch.

Um die Jahrtausendwende hatte ich parallel zu den Verpflichtungen in meinem Büro im Stadtradio sonntags, am frühen Nachmittag eine Sendung gebracht. Sie hatten mir eine Stunde gegeben. Ein Jahr lang habe ich damit durchgehalten. Ich hatte Diskussionsrunden aus Leuten, die ohnehin an der Öffentlichkeit orientiert waren, zusammengestellt. ‚Faulenzerkonzept’, wie ich es bezeichnet habe. Ich habe die Teilnehmer nicht erst motivieren müssen.

„War doch ganz gut“, meint Willy, er behauptet, sich noch zu erinnern. Ich erzähle, wie ich eine Arbeitsloseninitiative mit der Bemerkung angeheizt habe: ‚Je weiter die Lohnschere klafft, desto höher die ökonomische Dynamik.’ Die sind hoch gegangen. Es war ein Zitat des Wirtschaftsministers. Oder gegenüber einer Schwulengruppe, ,In euren Nachtclub kann man, ohne verlegen zu werden, seine Oma mitbringen.’ Ich hatte einen Studentenclub, Vertreterinnen eines Frauenhauses, einen Kinderzirkus, eine Gruppe Skater usw. zu Gast gehabt. Die maximal drei Teilnehmer, mehr Mikrophone standen nicht zur Verfügung, brachten jeder einen Musiktitel von drei, vier Minuten mit. Der Rest der Zeit, auf ,Teufel komm raus‘, war reine Redezeit. Jeder Hänger wäre die Katastrophe geworden. Das Konzept strengte an. Es wurde zunehmend schwieriger, Gruppen aufzutreiben. Ich hatte die Talkshow schließlich abgesetzt.

Zwei riesige schwarze Augen schauen mich an. Die Russin sieht umwerfend aus. Alle mustern mich. Sie schiebt sich vor mein Gesicht.

„Es war Morrrd.“ Sie rollt das ‚r’.

Tamara, die Wirtin, kommt. Ich sage: „Fünf Bier“, und ziehe mein Portemonnaie. Der dicke Willy, stößt einen Jauchzer aus, „Also, wenn de mich fragst, das waren mindestens neun.“ Ein boshafter Hund! Erstens hat ihn keiner gefragt und zweitens kann das nicht sein. Tamara und Gabi haben höchstens drei Wodka spendiert und für neun Bier bin ich noch viel zu gerade aus, so was habe ich im Griff, völlig ausgeschlossen. Tamara entscheidet: „Neun Bier“. Was bleibt mir übrig.

Täglich kamen Aufträge. Bauprojekte hatten sich jahrelang hingezogen. Jetzt musste noch an demselben Nachmittag und Abend geschnitten werden. Es wurde montiert bzw. intermoduliert, An- und Abmoderation wurden formuliert. Zeit war alles. Was eben noch eine Topmeldung war, konnte, auch wenn der Beitrag noch so fein ausgearbeitet war, schon kurz danach nur noch kalter Kaffee sein. Ein Beitrag war dicht gefolgt vom nächsten.

Ein alter Adliger hatte einen Weinberg rekultiviert und die erste Ernte eingefahren, ein Altersheim war mit seinen Bewohnern zu einer Kutschfahrt aufgebrochen. Ich arbeitete Geräusche wie Pferdegetrappel oder Gläserklingen ein.

Ein landesweit bekannter Schauspieler feierte seinen Sechzigsten auf einer Bühne im ersten Hotel am Ort. Ich blieb sitzen‚ ,Was soll der jetzt ausgerechnet mit mir anfangen?’ Ich brachte einen Beitrag, in dem ich die Gratulationsrituale beschrieb, einen Aufsager, langweilig, wie ich fand, und wenig radiophon.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.