Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.1 Gründer (24)

„Alle mal herhören!“, der Manager lehnt an eine Tischkante in der Redaktion. Eine ältere Arbeitslose aus dem Kreis seiner unmittelbaren Zuarbeiter habe ein Problem mit der Job-Agentur. Sie ist nicht da. Sie selbst hat schon vereinzelt für die Verbreitung ihres Dilemmas gesorgt, jetzt vertritt sie der Manager vor den Versammelten.

Bei einem der Gespräche in der Jobagentur habe man ihren Auskünften Misstrauen entgegengebracht. Sie habe erklärt, dass sie im Stadtradio öfter zu Besuch sei und dafür keine Entschädigung bekomme. „Da gibt es aber wirklich noch gute Menschen“, hätten die auf der Agentur gemeint.

Ihr hätten die Anspielungen von denen Angst gemacht. Später hätte sie sich gefragt, woher die bloß ihre Sicherheit genommen hätten. Der Manager betont, es gehe dabei nicht nur um sie. Auch für ihn sei im Moment eine Betriebsprüfung das letzte, was er gebrauchen könnte. Die Vorstellung, wie er unter der Aufsicht der Steuerfahndung in seinen Schichten wühlt, drängt sich auf.

In einer Besprechung mit Helga, so heißt die Arbeitslose, habe es ihnen Beiden plötzlich glasklar vor Augen gestanden. Wenn das Arbeitsamt Informationen hat, so konnten die nur von hier aus dem Stadtradio selbst kommen. Die Frage habe sich gestellt: Wo ist die undichte Stelle? Der Manager versichert sich, dass er die Aufmerksamkeit auf sich gebündelt hat. Er streicht sich über die Lippen.

Eine neue Praktikantin hatte vor drei Wochen angefangen. Nach gängigen Kriterien hatte sie nur geringe erotische Ausstrahlung. Sie war dick. Flache Brust, kleiner, schmallippiger Mund, kleine Augen.

Ich hatte sie im Gespräch mit einem anderen Praktikanten, auch er nur mit begrenzten Möglichkeiten, erlebt. Sie hatte voller Stolz erzählt: „Ich hab’ einen Freund. Das war ganz leicht. Ich hab’ einfach im Internet einen, der auch in der Nähe wohnt, rausgesucht, hab’ dann mit ihm geschrieben, dann haben wir uns verabredet und jetzt sind wir schon seit über einem Jahr zusammen. Das ist ganz toll.“ Der Praktikant hing ihr fasziniert an den Lippen. Ich hatte mich unauffällig zurückgezogen.

Auf die Praktikantin kommt der Manager zu sprechen. Auch sie ist nicht da. Sie habe ein kleines Buch gezückt, habe er von Helga geschildert bekommen und habe eine Notiz hinein geschrieben. „Was notiert die da?“

Der Manager blickt in die Runde. „War natürlich klar, was die da notiert hat.“

Empörung wird laut.

Und jetzt müssen wir eine Entscheidung treffen.“

Leute aus der Redaktion, der Technik, und den Hausmeisterjobs bilden die Runde. Auch der Programmdirektor ist aus seinem Raum gekommen. Der Manager zieht den Schluss: „Die bleibt noch weitere drei Wochen. Da stellt sich die Frage, schmeißen wir sie gleich raus, oder lassen wir sie weiterhin oben unter ’m Dach arbeiten, unter Aufsicht, ohne dass sie an irgendetwas Brisantes herankommen könnte. Jeder von uns behält sie im Auge. Sie braucht das ja gar nicht zu merken. Und mit den Arbeitszeiten … tja, ich weiß auch nicht … muss halt jeder auf sich selbst aufpassen, wenn sie euch über den Weg läuft.“

Vielleicht besser, wenn die vom Arbeitsamt gar nicht merken, dass wir sie durchschauen. Sonst schicken die am Ende noch wirklich einen in irgendeiner Form, also Betriebsprüfung oder Kripo oder was weiß ich. Also, wir tun ihr gegenüber so, als wär’ nichts.“ meint ein SPD-Genosse und ehemaliger Offizier der Luftwaffe aus dem Westen. Er ist gemeinsam mit einem Partner trotz einer Mords-Abfindung der Bundeswehr mit einem Autohandel im Osten pleite gegangen. Jetzt ist er beim Stadtradio gelandet. Wenn jetzt schon Ermittlungen gegen uns aufgenommen worden sind, dann verhalten wir uns erst mal ganz ruhig. Die sollen nicht denken, dass wir jetzt aus lauter Nervosität irgendwelche Fehler machen. Wir warten mal ab, was die als Nächstes vorhaben. Geht ’s um Finanzen oder passt denen irgendetwas politisch nicht? Wir werden es sehen. Ganz ruhig!“

Fred, ein Philosoph aus Frankfurt greift sich an den Kopf: „Was ihr hier macht, ist Mobbing wie aus dem Bilderbuch. Wenn jemand eine Notiz in ein Buch einträgt, heißt das gar nichts. Ganz abgesehen davon wäre die Information, dass die Arbeitsagentur Spitzel bezahlt, so eine Sensation, dass die ganze Republik aufschreien würde. Wir könnten das an alle, von der FAZ bis an den Spiegel, verkaufen.“

Eine gertenschlanke junge Schönheit: „Also ich telefoniere von hier aus manchmal mit meinem Freund. Da spreche ich sehr private Dinge an. Ich weiß nicht, wie ’s euch geht, aber mir wäre das sehr unangenehm, wenn das alles öffentlich wird und bei der Arbeitsagentur landet.“ Zustimmung, auch andere erregen sich.

Der Programmchef versichert sich noch einmal. „Also Fred, du meinst, das mit der Vermutung, dass da jemand Meldung macht, das ist übertrieben?“

Ja, tut mir Leid. Das klingt, als wärt ihr irgendwann einmal bei der Entwicklung der Verhältnisse hängen geblieben, und wärt nicht ganz im Hier und Heute angekommen.“

Und du meinst, wir sollten das einfach fallen lassen?“

Ja klar, was denn sonst.“

Der Programmdirektor bezieht nicht weiter Stellung. Freds Zweifel gehen unter. Noch einige Gelegenheiten, um sich zu ereifern, werden wahrgenommen, bis der Manager seine Lektion vervollständigen kann. „Also, das war jetzt eine außerplanmäßige Versammlung. Sind ja weit mehr als die Hälfte anwesend.“ Ungefähr 15 Leute einschließlich Techniker und Helfer von etwa 25 im Betrieb der Tagesredaktion sind da. „Wir kommen zur Abstimmung!“

Fred schimpft vor sich hin: „Wer ist dafür, dass der Nigger aufgehängt wird und wer ist dafür, dass er weiterhin weiße Frauen vergewaltigen wird?“ Er schiebt eine gekünstelte Lache hinterher. Ich schließe mich ihm nach draußen an .

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