Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.1 Gründer (22)

Der Programmchef warf stets ein Auge auf die Stadtlandschaft. Überall wurden Gebäude umgenutzt, sollten abgerissen werden, oder standen leer. Nicht lange her, dass er ein Architekturstudium hinter sich gebracht hatte. Hier und da witterte er eine Chance.

 Mit einfachen Mitteln richtete er ganze Gebäudekomplexe her, gab dem Geschehen ein Motto und rief im Namen des Stadtradio einen Ball aus. Der ehemalige Schlachthof wurde zur Science Fiction Kulisse. In einem in die Pleite gegangenen Kino, oder besser in einem Lichtspielhaus, Samt bezogene Sessel, Messingleuchten, Mittelgang, Bühne und Balkon, fand eine 20er Jahre Gangsterparty statt. Prohibition, Drinks konnten nur unter strenger Konspiration ausgeschenkt werden. Selbst die Bahnhofsvorhalle, eine hoch gewölbte Tonnenkonstruktion mit späten klassizistischen Anklängen, wurde für einen Samstagabend bei laufendem Bahngastbetrieb zu einem Salon.

Ich gratulierte. Er zeigte, dass er das Stadtradio nicht nur als einen Radiowellen ausstrahlenden Apparat verstand, sondern als ein Medium, das auch mit anderen Mitteln Impulse in die städtische Öffentlichkeit abgeben konnte.

Das bisherige Gebäude des Stadtradios, das ,Alte Gymnasium‘ sollte saniert werden. Ein neuer Standort war gefragt. Ein klassizistisches Tempelchen, zweigeschossig mit einem Mezzanino-Dachgeschoss, am Goetheplatz, dem zentralen Verkehrsplatz Weimars gelegen, stand leer. Instinktsicher klemmte er sich dahinter und schwätzte es der Stadt ab.

Ich hätte mit meiner Neueinstellung eigentlich damit gerechnet, längere Diskussionen mit ihm über die alltäglichen Aufgaben, über Visionen und Programmgestaltung zu führen. Ich hatte immer wieder Vorschläge gemacht. Mit meiner Einstellung machte er dicht. Ich erlebte ihn als unzugänglich. Er machte im Gebäude zweimal pro Woche für drei Stunden eine Moderation, führte einige Telefonate und verschwand in ein Anwesen auf dem Lande, außerhalb der Reichweite des Stadtradios. Meine Arbeit kannte er weder von eigenem Erleben, noch gestattete er sich, weder meinen noch überhaupt den laufenden Beiträgen ein Ohr zu schenken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.