Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.1 Gründer (18)

Ich bemühe mich um eine Pressekarte für Bernhard Schlink in der Weimarhalle. Er will eine Leseprobe aus einem neuen Roman, ,das Wochenende‘, geben. Andere lesen gratis. Sein ,Vorleser‘ ist nach der ,unendlichen Geschichte‘ der meistverkaufte deutsche Roman im Ausland. Der Verfassungsrichter und Erfolgsschriftsteller verlangt 12,00 € Einlass.

Der Roman ist soeben erschienen. Ich habe außer allgemeinen Informationen keine Unterlagen. Die Grundlagen für das Gespräch müssen sich aus der Lesung selbst heraus entwickeln. Die einzige Form, in der ich ihm gegenübertreten kann, Fragen. Auch Juristen fragen. Sie stellen Zeugen zur Rede in der Absicht, sie zu Aussagen zu bringen, die sie ohne ihre Fragen, niemals von sich gegeben hätten. Eigene Positionen werden, ohne sie ausgesprochen zu haben, über Fragen an andere vermittelt. In der Disziplin sind sie Akrobaten, weitaus abgekochter als Journalisten. Ich sitze, Kreislauf auf Schleudergang, in einem Auditorium, einem Nebensaal der Weimarhalle. Ich warte.

Wird schon irgendwie klappen! Mit Günter Wallraff hatte ich auch ziemlich Schiss gehabt. Ich, der Anfänger, nahm mir heraus, den Meister des investigativen Journalismus zu interviewen. Wallraff sollte eine Veranstaltung in einer Gemeinde im Weimarer Land machen. Stunden vorher hatte ich mich lose mit ihm verabredet. In einer Sporthalle habe ich ihn angetroffen. Er ist vor einem Tischtennistisch hin und her gehüpft. Seine dünnen Beinchen haben aus einer kurzen Sporthose geguckt. Mit dem Mikrophon in der Hand, keine Spur mehr von irgendeinem Bammel, habe ich überschaut , es würde ein Gespräch werden.

Ping … pong … ping … pong, mit den Lauten des Zelluloidballs begann der Beitrag.

Darf ich stören?

Selbstverständlich.

Er hätte oft mit Gefangenen im Gefängnis gespielt. Einer hätte in Köln in einer Wohngemeinschaft gewohnt, hätte die Mietkasse geklaut. Später sei er reumütig zurückgekommen, hätte sich mithilfe einer Spielzeugpistole die Kasse einer Bank auszahlen lassen, hätte das Geld auf den WG – Küchentisch gelegt. ,Hier die Miete für das gesamte nächste Jahr‘, ,Menschenskind, haste ’ne Bank ausgeraubt?‘, ,Na klar!‘.

Alle hätten gelacht, keiner hat’ s geglaubt. Dann ist er erwischt worden. Und mit dem spielt er immer Tischtennis. „Der sitzt jetzt schon 17 Jahre. Der hat keinem ein Haar gekrümmt. Alles nur wegen Eigentumsdelikten. Da stimmt doch was nicht.“

Ich brauchte gar nicht weiter nachzuhelfen. Es lief wie von selbst. Es war ein Gefühl wie, mal wieder den alten Kumpel von damals getroffen. Er hatte zu erzählen. Er mache Veranstaltungen im Osten, hauptsächlich für Jugendliche. Das Hauptproblem seien die Rechtsradikalen. Rassismus und Fremdenhass ausgerechnet dort, wo es keine Fremden gebe. Daran arbeite er, das mache er zum Thema. Er diskutiere hart. Den einen oder anderen habe er auch schon aus diesem Sumpf heraus geholt. Wo können die Ursachen für diesen irrationalen Fremdenhass liegen, wohin wird das führen können? Um solche Fragen ging es noch eine Weile und dann wieder der Zelluloidball … ping … pong … ping … pong.

Bernhard Schlink betritt die Bühne. Schon bei den ersten Schritten, er bewegt sich wie einer, der es gewöhnt ist, in öffentlichen Räumen die Blicke auf sich gerichtet zu wissen, bestimmt, er legt sein Skript auf das Stehpult. Kein Gramm Körpergewicht zu viel, Anzug, weißes Hemd, Krawatte, alles, nur für Kenner sichtbar, aus bestem Zwirn gewirkt. Auszüge aus dem neuen Roman, was auch sonst, sind dran. Hätte ich nur einen halben Tag früher von der Lesung erfahren, hätte ich den Roman, er war ja gerade erschienen, noch besorgen können. Ich höre mir den Verfassungsrichter an, versuche, das, was ich höre, zu einem geschlossenen Geschehen zu imaginieren. Meine Fragen sollen treffen, keine Standards wie, ,,Welchen autobiographischen Bezug hat das Gehörte?’ oder ‚Welchen Stellenwert hat der Roman in ihrem Gesamtwerk?’.

Ein ehemaliges RAF-Mitglied wird aus dem Knast entlassen, ist krank, trifft auf Familie und Angehörige. Sowohl seine Verfassung als auch die Umgebung ist trostlos. Schlink ist Teil der Judikative, die, wenn auch nur im übertragenen Sinne die RAF verknackt hat. Die RAF, hat sich als Teil einer Armee, so ihr Selbstverständnis, im ,Volkskrieg‘ befunden. Dass diese politische Einschätzung illusionär gewesen und gescheitert sei, 30 Jahre danach festzustellen, zeugt nicht von Scharfsinn. Lässt sich da einer herab, es einem, der längst fertig ist, nochmal zu zeigen? Je länger er liest, desto stärker wächst die Aversion. Gegen die Regel! Schon seit Schulhofzeiten! Da mag einer ein Riesenarschloch sein. Wenn er am Boden liegt, womöglich sogar verletzt, dann lässt man ihn in Ruhe. Ich zähme meine inneren Beschimpfungen. Ein Problem besteht, bläht sich sogar auf: Was fragt man so einen? Ich beginne doch, mit vorgeprägten Schablonen zu liebäugeln. Ich könnte seine Berufspraxis als Verfassungsrichter der Gestaltungsfreiheit als Schriftsteller gegenüberstellen, die reale Konfliktkonstellation dem fiktiven Widerspruch. Irgend so ein Spannungsfeld aufzeigen, in dem sich die RAF platzieren und Schlinks Romanthema herleiten ließe. Bernhard Schlink wird schon irgendetwas Weiterführendes antworten. Nicht exakt das Konzept, was einem wenigstens vorläufig Sicherheit verleihen könnte.

Es ist so weit. Bernhard Schlink setzt sich am Ausgang hinter einen Tisch, mit Türmen seines neuen Romans ‚Das Wochenende’. Er signiert. Trotz des hohen Eintrittspreises sind ca. 150 Leute gekommen. Vor dem Tisch eine Schlange von Zuhörern, einige haben das Buch schon in der Hand. Kurzer Austausch, Unterschrift, Lächeln, kurzer Austausch, Unterschrift … jeder kommt dran, einer nach dem anderen. Blick zu mir herüber in der zweiten Reihe, mein fragender Blick zurück, Schlink deutet kurz mit Kopfnicken die Reihe an. Ich gehe auf und ab und nestele an meinem Aufnahmegerät herum. Eine mit Schmuck behängte Schlink-Anhängerin der oberen Gewichtsklasse in einem Tweed-Kostüm ist die letzte. Ich wende mich an Schlink. „Ich arbeite hier beim Stadtradio. Darf ich Ihnen ein paar Fragen zu Ihrem neuen Roman stellen?“

Nein.“

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