Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.1 Gründer (16)

Wie den Programmchef habe ich auch den ‚Manager’ zu einem Radio-Gespräch über dessen Erfahrungen zur Wendezeit gebeten

So Mitte, Ende Sommer war die Spannung am größten. Ich hab’ selber in Ungarn die Öffnung des eisernen Vorhangs mitbekommen. Da hat man so überlegt, ist aus Bulgarien wiedergekommen, also aus den großen Sommerferien von Reisen, hat überlegt, och, fährt man jetzt mal nach Wien oder nicht, und hat sich gesagt, oder ich hab’ mir gesagt, nöö, ich bleib’ mal hier, ich guck mir jetzt Budapest an, und dann fährste zurück. Und da war dann gleich richtig Stress

Ich war damals im Studentenclub Kasseturm Org-Chef, d.h. ich war für das ganze Programm verantwortlich. Und wir hatten dann gleich Anfang Oktober mit dem Peter Feist eine Veranstaltung angesetzt. Das ist der Neffe von Erich Honecker gewesen, ‚Sozialismus zwischen Untergang oder Erneuerung’. War auch richtig vorbereitet mit fetten Plakaten, halb Totenkopf, halb rote Fahne.

Sag mal genau wann!

Das müsste vierter Oktober gewesen sein. Für den vierten Oktober war ’s geplant, und ich musste sofort antanzen. Also es heißt, man hat ja so ’n bisschen Budapest-Freiheit erlebt und sagt doch, jetzt gibt ’s was anderes und musste erst bei der Hochschulleitung antanzen, das heißt, warum, was ist das, was ist das für einer, wieso diese Veranstaltung derzeit, also, Hochschulleitung vor allen Dingen beim Fachbereich Marxismus Leninismus, die ja nun so die philosophische und organisatorische Oberhoheit hatten. Dann noch bei der Polizei, da musste man noch jede Veranstaltung anmelden damals, so einmal im Monat zwar, aber da ist das eben auch hinterfragt worden. Und dann war das aber, hmm, ja, war dann klar, und dann gab ’s aber Auflagen für die Veranstaltung, aber für mich war ’s so richtig, so jeder Urlaubseffekt war weg, und natürlich Spannung da, was ist das jetzt?

So, das war das erste. Dann gab’s noch die Musterung für den Reserveoffizier. Da gab ’s auch noch mal schwere Diskussionen schon. Geht man? Geht man nicht? Dann hamm wir so überlegt, nee, wir verweigern uns. Aber das war noch im Kippen, das war noch Angst.

Entschuldige, ich frag jetzt mal als einer, der’ s nicht so kennt, Du, ganz persönlich, solltest zur Armee kommen und solltest gemustert werden?

Anders. Also jeder Mensch beim Studium hatte noch die Verpflichtung Reserveoffizier zu werden. Also nach ’m Grundwehrdienst, den doch jeder irgendwie machen musste, wurde noch mal während des Studiums noch mal geschult zum Reserveoffizier, sechs Wochen lang, aber ziemlich entnervend so. Und das war so die Zeit, wo wir dann noch mal gemustert worden sind und: Will man das machen oder nicht? Und das war dann schon Anfang Oktober, als das Studium wieder los ging, und da war dann so kribbelige Zeit und da hamm wer gesagt: Nee, eigentlich will mer ’s nicht mehr. Traut mer sich jetzt das zu sagen, dass mer das nicht tut, oder stimmt man zu? Was ist der leichtere Weg? Und das war dann so diese Mischung einfach im September so ab… Was bringt dieser Oktober, diese Veranstaltung, die man selber vorbereitet hat und merkte dann so: Das neue Forum gründet sich. Man wusste ja, dass hier was passiert in der Stadt. Dann ging das auf diesen Oktober zu. Gründung des neuen Forums. Die Stadt war irgendwie voll, aber von Herrn in Trenchcoats und im Dederonbeutel, wo so ’n kleiner Knirps drinne war, und jeder wusste, das ist Staatssicherheit, jede Menge und schlich dann schon um Jakobskirche, und das ist ja in die Herderkirche verlegt worden. Und wir rannten dann schon so durch die Stadt, gucken. Geh’n wer hin? Klar, wir geh’n hin. Ja. Und dann standen überall so Robur-Busse, also Armee- und Polizeibusse. Es war dann auch schon richtig Polizeipräsenz da. Es war immer noch in normaler Uniform jetzt, aber das war so ’n bedrohliches Szenario. Es war … die Präsenz war da. Also irgendwo, es war Polizei, es waren andere Leute. Es war … so Herbststurm kann man nicht sagen sondern eben, es war so eine Aufregung in der Luft. Man wusste, was passiert.

Darf ich Dich mal ganz persönlich fragen: Hast du Angst gehabt oder war das mehr so ’ne Euphorie?

Nee

Wie war das auf ’ner unmittelbaren Erlebnisebene?

Schon Angst: ‚S war natürlich … mer hat sich selber gesagt, wir müssen. Ja. Also, man muss was tun. ‚S war noch in den Studentenclubs, gab ’s da noch die Direktive, so ’n Aufruf , den wir verlesen haben und da gab ’s vorher die Information auch über die Hochschulleitung, also wir müssen jede Band sofort melden, die diesen Aufruf verliest und sofort abbrechen. Und da sagt man sich natürlich, also was ist das? Tu ich das jetzt nicht? Verpiss‘ ich mich einfach? Tu ich so, als hätt’ ich ’s nicht gehört, nicht getan, aber ich geh’ doch da nicht hin und stell das ab, aber natürlich überlegst du auch oder hast damals überlegt, was heißt das für dich? ‚S hätt ja jederzeit Studienschluss sein können, und dann hätt ’s de auch keine Chance mehr gehabt. So, und dann hat man sich dann aber schon so in diesem Studentenclub, oder ich zumindest auch, sicher gefühlt und gesagt, also, scheißegal, das lässte jetzt, wenn die Band kommt, du bist in dem Moment nicht im Saal drin, aber du weißt was es ist und tust so, als hättest du ’s nicht gewusst. So und das gab ’s einfach schon im September, Oktober und auch diese Einberufung und dann eben dieser Tag, wo das neue Forum sich gründen sollte, jeder wusste es, man wusste auch vorher, dass es verboten ist. Man kannte noch 7. Oktober, Tag der Republik, dass da eben schon die ersten, Gorbatschow war da. Wie verhält sich das? Da war natürlich immer diese Spannung in der Luft. Kippt’s um? Dazu kam, man hat mitbekommen, dieser und jener aus der näheren Umgebung war verschwunden.

Versteh’ ich dich richtig, dass deine Haltung hier so war, dass man wusste: Au weia, das kann schief gehen, ich kann aus dem Studium fliegen, ich kann mir meine Karriere vermasseln, wenn nicht gar Knast oder so was, aber die grundsätzliche Haltung war, man bleibt dabei, also du und deine Freunde?

Naja klar, es war ja Hoffnung da, es war ganz große Hoffnung. Man wusste, es steht hier auf der Kippe, in welche Richtung es geht. Es hätte auch jederzeit umkippen können und natürlich hat man sich dadurch immer wieder gefragt, wie weit geh’ ich jetzt voran? Ja. Also fahr’ ich nach Leipzig zur Demo? Hat dann wirklich überlegt, gerade am neunten Oktober vor dieser richtig großen Massendemonstration: Fahr ich nun hin oder nicht?

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