Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.1 Gründer (14)

 

Du bist kein Weimarer. Wie lange warst du schon in Weimar?

Angefangen mit ‚m Studium hab’ ich 87 und hatte hier studiert, also ich war im dritten Studienjahr 89

 

 

Hattest Du hier Situationen, wo Du diese direkte Gegenüberstellung mit dem Staat wahrgenommen hast?

Eigentlich hat es sich ja schon vorher abgezeichnet, also die, die damals an der Hochschule für Architektur und Bauwesen studiert haben, die werden sich sicherlich daran erinnern, damals gab ’s ja den Sputnik. Und der Sputnik war ’ne Zeitung aus der damaligen Sowjetunion und da gab es Texte, die waren so brenzlig, dass eine Ausgabe des Sputniks nicht veröffentlicht wurde. Da gab es dann hier an der Hochschule Studenten, die dann trotzdem einen Artikel aus dem Sputnik vervielfältigt hatten.

Sag noch mal kurz! Datum?

Ich glaub‘ das war im Frühling, das kann auch im Oktober 88 gewesen sein. Ja. Da wurd‘ so ’n Exempel statuiert, also, die sind damals – Waren das zwei oder war das einer? – die wurden, also, ich sag‘ mal zwei, die wurden damals exmatrikuliert. Und das war so ein Punkt, wo sich schon so was abzeichnete wie so ’n Vorfrühling. Das war’n schon die Helden, das muss man wirklich dazu sagen, also, die war’n nicht in der ersten Reihe, die war’n in der vordersten Reihe.

Und hamm die auch ‚en Protest provoziert von eurer Seite – dann?

Es war ‚en leiser Protest. Also ’s war kein Protest, dass man dann ’ne Demonstration hatte oder mit Transparenten dann auf die Straßen gegangen iss, oder dass man Transparente aus den Fenstern gehängt hat, nee, das war ‚en Entsetzen. Es gab aber auch Veranstaltung und Diskussionsrunden dazu.

Aber Ihr hattet da schon die Ahnung von der großen Veränderung?

Oft isses doch so im Leben, du kriegst mit, dass da irgendwas passiert, aber du kannst es noch nicht einordnen und du weißt nicht, in welche Richtung es geht. Du weißt, dass etwas passiert und auch dass mit dir etwas passiert. Du weißt aber nicht, wo du – wenn die Dinge ihren Lauf nehmen – wo du dann selber landen wirst.

Ich versuch‘ mal nachzuvollziehen: Ne Spannung kam auf, die sich immer mehr verdichtete.

Ja

Und wann kam das dann so richtig zur Hochspannung?

Die Hochspannung kam ja auf, als dann in Ungarn die Grenze offen war, als man dann von immer mehr Freunden Abschied genommen hatte. Wo man dann erfahren hatte, der und der ist jetzt auch nicht mehr hier, der ist jetzt im Westen. Und da hatte sich schon aus dem Entsetzen so ’ne gewisse Wut dann auch entwickelt in mir. Wo ich dann dachte, Scheiße, dieses ganze politische System nimmt dir jetzt auch deine Freunde.

Schilder doch mal! In welchem Kreis hast Du Dich da bewegt? Das war ja sicherlich nicht ’ne individuelle Erfahrung, sondern auch ’ne Gruppenerfahrung.

Das waren eigentlich zwei Gruppen. Also einmal die Rostocker Gruppe, wo ich herkomme. Freunde aus der Abiturzeit, Freunde, die man dort hatte. Ich war dort in Kirchenkreisen, Friedensgottesdienste, die wir in Rostock hatten. Hier der Kreis in Weimar, mit dem man zusammen gewohnt hatte. Wir hatten damals ’ne sehr schöne Villa, das war die Kantstraße 5, das war die Villa. Und wir war’n einfach befreundet. Das war keine Zweck-WG, das war einfach ’ne WG von befreundeten Menschen. Und die Wende zeichnete sich ja auch so ab, dass dann verschiedene Leute dann auch überwacht wurden. Und bei uns war’s dann so, dass vor der Kantstraße dann immer’n brauner Wartburg stand. Der stand immer morgens um sechs da und wurde dann weggefahren um 21.00 Uhr, war immer besetzt, war eine besetzte Überwachung, kann man sagen, mit zwei Leuten drin.

Gut! Du warst damals Student und hast hier in ’ner gewissen akademischen Welt gelebt, warst aber gleichzeitig auch an dem städtischen Leben beteiligt. Wie hamm sich die Dinge entwickelt hier in der Stadt?

Damals war ich eher auf so‘ ner Studenteninsel. Die Stadt hatte ich so gar nicht wahrgenommen. Zur Wendezeit hab‘ ich im Kasseturm gearbeitet, aber Kasseturm war nicht so ein Ort, wo ein Freigeist kreiert wurde. Das war der sicherlich Mitte der achtziger Jahre, aber so’n Kasseturm hatte seinen Parteisekretär, so ’n Kasseturm war FDJ ausgerichtet. Das war ’n Studentenclub der FDJ. Darf man nie vergessen. Wir hamm da zwar alle mitgemacht, wir war ’n begeistert. Nicht weil ’s ‚en FDJ-Studentenclub war sondern als Studentenclub, weil das die Orte war’n, wo das kulturelle Leben stattgefunden hat, aber ’ne andere Bedeutung hatte sicherlich in der Zeit das ACC, die Galerie Schwamm, die ’s damals gab, oder der C-Keller. Das war ’n schon Anzeichen einer neuen Welt, während der Kasseturm die alte Welt war.

Der Staat DDR kippte irgendwann.

Hm, hm

Du hast das ja auch auf ’ner Erlebnisebene unmittelbar mitbekommen. Wann haste gemerkt, eben kippt‘ s?

Als die Angst vielleicht am größten war. Und zwar am 7.Oktober war das so und zwar dass ich richtig gebrochen war. Wir hatten damals ‚en Entwurfsseminar und wir war ’n im Palmenhaus in Erfurt – ging glaub‘ ich so zwei, drei Tage. Wir hatten uns da eingeschlossen, hamm da auch geschlafen. Das war ’n Workshop mit Wettbewerb. Und in der Leipziger Volkszeitung stand damals, dass gegebenenfalls auch geschossen werden würde im Oktober. Man wusste, es würde am 7.Oktober etwas passieren. Da war ’n wir wirklich verunsichert, da schluckten wir, Man hatte auch gehört, dass Krankenhausbetten um Leipzig herum frei geräumt wurden und dass man die Kapazität entsprechend aufgestockt hatte. Wir war ’n nicht in Leipzig.an dem 7.Oktober, wir war ’n zu der Zeit, als wir diesen Wettbewerb hatten und diesen Workshop in Erfurt in diesem Palmenhaus. Wir hatten dann stündlich Nachrichten gehört, damit wir wussten, also was passiert tatsächlich an diesem 7.Oktober. Aber man wusste nicht wird nun geschossen oder wird nicht geschossen oder was passiert in dem Augenblick.

Und diese Gefahr, die lag wirklich in der Luft, die war zum Greifen.

Welche Gefahr meinste jetzt?

Die Gefahr, dass geschossen wird

Natürlich war die da.

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