Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.2 Ottmar Schmieling Kommunikation 33

Wer kommt, besetzt, was frei ist, ist eigentlich die Regel. In der Redaktion sitzen sich die Mitarbeiter paarweise an rechteckigen Tischen gegenüber. Die Computer weisen entsprechend zur einen oder anderen Längsseite.

Einen ganzen Tisch ohne Gegenüber halten jeweils der Lokalnachrichtenredakteur und Tennessee besetzt. Es hat Attacken mit Hagelstürmen an Argumenten auf diese Sonderregelung gegeben. Die Beiden haben ihre Stellungen gehalten. Einige Mitarbeiter versuchen an den üblichen halben Tischen Reservierungen durchzusetzen. Tauchen sie auf, scheuchten sie die „Neuen“ von „ihrem“ Platz, Gesten, die Tom stets angemahnt hat. Zurzeit ist es in der Redaktion so überfüllt, dass er es vorgezogen hat, sich ganz ins Dachgeschoss zurückzuziehen. Dort ist meistens etwas frei. Unten geht es zu hektisch zu. Außerdem möchte er nicht morgens seine Arbeit damit beginnen, hinter die Macken des jeweiligen Computers zu steigen.

Unten hat sich eine breit gemacht, die schon länger dabei ist. Sie bekommt seit Neustem, ähnlich wie Tom, irgendein Bürgergeld, eine spezielle Förderung für ältere Arbeitslose und kommt täglich. Sie hat einstmals Germanistik studiert. Mit ihrer Rolle hat sie innerhalb der Redaktion ein eigenes Regiment aufgebaut. Beiträge, bei denen sie, um Aufgaben in der Stadt zu erledigen, das Gebäude verlassen müsste, vermeidet sie. Texte und vorformulierte Fragen für Studiointerviews, die ihr bei ihren Moderationen in die Finger kommen, kontrolliert sie, was man nicht hören nur sehen kann, auf Interpunktion und Orthographie. Jeden Fehler schleudert sie in die Runde der Redaktionsbesprechungen. Wer zu laut redet, wird ermahnt und wer es wagt,  wie auch sie verfügt hat, sich auf ‚ihren’ Arbeitsplatz zu setzen, wird gescheucht. Eine Deutschlehrerin, die sie nie geworden ist und die keiner so hätte haben wollen.

Sie steht auf dem Balkon und raucht. Tom plaudert mit ihr und kommt auf ihre Freundin zu sprechen.

„Die versucht es jetzt doch noch einmal mit einem Studium.“

„Ach deshalb kommt sie nicht mehr. Was will sie denn studieren?“

„Mediengestaltung.“

„Sie will wohl beim Radio bleiben. Ist ja toll!“ Tom erzählt von seinen Plänen, zusammen mit ihr in der Hauptrolle eine Radio-Novela in wöchentlichen Fortsetzungen zu produzieren.

Sie erkundigt sich.

Hauptperson sei Marie Louise, die Cellistin aus Leidenschaft, die vom Land in die Stadt gekommen sei und von einem voyeuristischen Vermieter bedrängt werde. Er stellt dar wie sie einen Kommilitonen kennenlernt, wie sie sich um ihre Mutter sorgt, alle die verschiedenen Handlungsstränge der Radio-Novela. „Ihre perlige Stimme hätte sich gut gemacht. Sie hat so etwas Unverwechselbares, was das Ohr reizt, findest du nicht?“

„Ja schon, aber die Story, die du mir gerade erzählt hast, die ist doch von ihr?“

„Nein, sie sollte nur die Rolle der Marie Louise sprechen.“ „Ist ja witzig. Sie hat mir auch eine Story von einer Cellistin aus Leidenschaft erzählt. Es war dieselbe wie die eben. Sie hat mit dem Konzept ihre Aufnahmeprüfung bei den Mediengestaltern bestanden. Die fanden, sie sollte ihren Plot von dieser ‚Marie Louise, Cellistin aus Leidenschaft’ unbedingt weiter verfolgen und im Rahmen ihres Studiums, so wie sie es vorhätte, in eine Radio-Novela umsetzen.“

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