Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.2 Ottmar Schmieling Kommunikation 31

„Hans Magnus Enzensberger – Gedichte“ eine Veranstaltung in der Stadtkirche. Die Eintrittspreise waren moderat, die Kirche war voll. Tom baute, um mitzuschneiden, einen Mikrophonständer samt Aufnahmegerät auf.

Hans Magnus Enzensberger trat vor sein Publikum.



Man sah ihm die fast achtzig an.

Gedichte funkeln, fliegen, fließen. Sie provozieren keine Fragen an den Autor. Bei jeder anderen Lesung hätte sich zumindest grob abgezeichnet, welche Richtung Tom zu einem Gespräch hätte einschlagen können. Fragen zu Gedichten gingen nicht, Gedichte stellten eigene Fragen. Tom hätte sich unhöflich gefühlt. Er kämpfte.

Tom kannte Gaston Salvatore. Er hätte Enzensberger stattdessen einfach zu seinem Freund befragen können. Einfach so. ‚Wissen Sie, wie es Gaston geht? Was macht er? Wo hält er sich auf? ‘

Unsinn, wie einem alten Freund mit Vertrautheit daherkommen, ging schon mal gar nicht.

Das letzte Mal war Gaston zur Uraufführung seines Stücks ‚Rudolf Hess’ in einer Inszenierung des Nationaltheaters gekommen. Er hatte sich, nachdem er seine Bemühungen um die Mitgestaltung des Kulturstadtjahres schließlich hingeschmissen hatte, zum ersten Mal wieder blicken lassen.

Abends war er immer im Residenzcafé anzutreffen gewesen, oft, wie er gerne anmerkte, am besten Tisch. Er plauderte und trank. „Weißt du Tom, wir müssen uns alle Mühe geben. Wir lassen uns, weiß Gott was alles, einfallen. Die jungen Leute hier sitzen einfach herum und sind jung. Sie denken das reicht. Das Entscheidende an der Geschichte ist … “, er sah Tom durchdringend an, „ … Die jungen Leute haben Recht. Es reicht tatsächlich. Man muss es akzeptieren. Ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen, bei ihnen am Tisch mit großem Einsatz mein Repertoire einsetze.“

Enzensberger und Gaston kannten sich schon lange. Schon bei der Uraufführung von Gaston Salvatores „Büchners Tod“ in den frühen Siebzigern kam aus dem Publikum: „Das hat doch der Enzensberger geschrieben.“ Nichts als missgünstige Neider! Das Stück war anlässlich der Eröffnung eines für die Verhältnisse damals mit allen Schikanen der Bühnentechnik neu gebauten Staatstheaters in Darmstadt uraufgeführt worden. Alle waren da. Es hieß, diesem Chilenen, der Che Guevaras ‚Bolivianisches Tagebuch’ übersetzt hatte, diesem Freund von Rudi Dutschke und Enzensberger, drohte eine Verhaftung, die verhindert werden müsste. Alleine schon deshalb musste Tom damals dabei sein. Gaston hatte Hans Magnus Enzensberger kaum noch erwähnt. Tom wusste von der noch immer engen Freundschaft. Die von ihnen gegründete ‚Trans-Atlantik’ hat er oft im Zug auf dem Weg nach Frankfurt ins Büro gelesen.

Gaston pflegte im Gespräch vorzupreschen. Er wusste von welchem Punkt an Selbstvergessenheit in Ekstase oder Stumpfsinn übergeht. Auch nach Mitternacht hielt er sich instinktsicher von dieser Grenze fern. Ihm gegenüber, meinte Tom sich äußern zu können. „Selbstsüchtig sind sie, die Ostdeutschen. Die haben kein Selbstwertgefühl. Nicht einmal von ihrer verflossenen Staatsphilosophie machen die Halt. Die finden fünf Euro zehn besser als fünf Euro. Ein Vulgärmaterialismus nach Art des Bauchladenverkäufers ist alles, was von dem ehemaligen dialektischen Materialismus übrig geblieben ist. Dass bei der Ausführung einer Arbeit ein Spannungsverhältnis aufgebaut wird, das auf lange Sicht zu- und abnimmt, dass es auch Sympathie, Vertrauen und sogar Spaß geben kann, lassen die außer Acht. Für ein paar hundert Euro verkaufen die ihre Berufsehre und halten sich auch noch für trickreich und auf der Höhe der Zeit angekommen. ‚So funktioniert Marktwirtschaft nun einmal!‘ Ein Handschlag zählt nichts. Wenn du von einer Besprechung kein Protokoll angefertigt hast und keine Gegenzeichnung deines Geschäftspartners hast geben lassen, dann kannst du jede Vereinbarung in den Wind schreiben.“

Warum er sich denn so ereifere, wollte Gaston wissen.

„Du bist gut. Ich hatte große Pläne im Land der Planwirtschaft gehabt, schließlich bin ich Planer. Was ich dagegen erlebe, ist Ablehnung, Missachtung, der soziale Abstieg.“

Gaston streckte seinen Arm aus, nahm einen Zipfel von Toms Jackett zwischen die Finger, prüfte. Eine schlichte lindgrüne Jacke. Die Jacke war zugegeben teuer gewesen, eines der letzten Stücke aus der Zeit, als sein Büro noch lief. Er hatte sie bei einem Besuch seiner Mutter gekauft. Die Baumwolle wäre gekämmt und käme aus Ägypten, hatten sie ihm in dem Herrenbekleidungsladen, in dem schon sein Vater gekauft hatte, erzählt. „Ich hätte nicht gedacht, dass Du so etwas siehst.“, meinte Tom.

Tom versuchte Gaston in einem zweiten Anlauf, anhand der Trennungsgeschichte von seiner Freundin, der Bratscherin, diesen besonderen ostdeutschen Protestantismus, zu erklären. Sie hätte, wie er überzeugt war, mit ihren Nützlichkeitserwägungen die Magie ihrer Beziehung niedergetrampelt. Gaston bestätigte: „Ich kenne sie, die Leute, die einem eine Münze hinstrecken, wenn sie um eine Zigarette bitten und gleichzeitig hinterrücks das entgegengebrachte Vertrauen verkaufen.“

Tom nickte zustimmend. Gaston ergänzte: „Da draußen, ich bewege mich ja hauptsächlich außerhalb Deutschlands, sieht man das ganz ähnlich, wie du es schilderst, das Problem mit den Ostdeutschen, meine ich, und nicht nur mit ihnen.“

„Mit wem denn noch?“ „Man sieht alle Deutschen so und das schon lange.“



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