Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.2 Ottmar Schmieling Kommunikation 24

„Du hast doch da mal was gesagt wegen Konzept und so.“ Kurt bittet mich eine Laudatio zu halten. Ich sage zu. Kurt hat das Angebot, in einem Kreuzgewölbekeller eines alten Stadthauses, einem Raum, der saniert und aufwändig ausgebaut worden ist, auszustellen.

Kurt malt nachts. Seine Farben sind wie dafür gemacht, in der künstlichen Beleuchtung dort unten ausgestellt zu werden. Am Nachmittag führt mich Kurt hinunter. Seine Bilder sind gerade erst gehängt worden. Zwei sind noch feucht. Die Hausherrin begrüßt mich. Gegenüber meiner Absicht, eine Laudatio zu halten, kann sie ihre Skepsis kaum verbergen. Auch Kurt weiß nicht so recht.

Zur Vernissage kommen ca. zweihundert Gäste, Honoratioren, ein repräsentativer Teil der städtischen Kulturszene. Der Oberbürgermeister spricht. Danach bin ich dran.

„Liebe Freunde der Kunst, der Malerei. Liebe Freunde des Künstlers – Kurt Walter stellt aus.

Wir haben ihn bereits begrüßt, hoffe ich. Wer es bisher versäumt haben sollte, möge es nachholen.

Mein Name ist Thomas Crossmann. Ich bin von Hause aus Architekt, habe aber schon immer neben der Baukunst eine Schwäche für andere bildende Künste und, seitdem ich seit den frühen Neunzigern in Weimar wohne und tätig bin, somit auch für die Malerei Kurt Walters gehabt.

Gerade in der Anfangszeit hier in dieser kleinen, jedenfalls wesentlich knapper bemessenen Stadt, als die, aus der ich gekommen war, erfassten mich Bedenken. Wird man nicht vielleicht vom Lebenswandel in dieser Idylle dazu verführt, unmerklich am Leben vorbei zu schlittern? Wird das auf Dauer nicht ein wenig zu provinziell hier?

Damals in den frühen Neunzigern auf einer Party in einer Galerie an den Geleisen westlich des Bahnhofs mit dem trendy Namen „Unart“ beobachtete ich einen ausgelassenen Tänzer. Ich saß mit einer Flasche Bier in der Hand. Der Tänzer setzte sich neben mich. Wir kamen ins Gespräch. Er sei von hier. Er heiße Kurt Walter. Er erzählte im Laufe des Gesprächs von einem Besuch in New York. Er hatte dort einen jungen Mann kennen gelernt. In einer Boutique, ich glaube es war eine in Brooklyn, hatte sich Kurt Walter an einem Klamottenrondell Hemden ausgesucht, als er merkte, dass in der Mitte, in der Drehachse, einer stand. Es war ein schwarzer New Yorker Junge. Er erzeugte mit diesem Versteck bei Kurt Walter so viel Sympathie, dass er eine Zeit lang mit ihm durch die Stadt zog. Kurt Walter schilderte im Folgenden New Yorker Szenen von einer derart grellen Morbidität, die in Nichts denen von Paul Auster in seiner New York Trilogie nachstanden.

Was in einem Kopf vorgeht, kann man von außen nicht sehen. Gedanken sind immateriell. Sie müssen sich erst, um erfasst werden zu können, verdinglichen. Kurt Walters Gedanken wurden an jenem Abend in dem Gespräch, das wir führten, greifbar. Es verlief außerhalb gewöhnlicher Spuren und überraschte, beides Eigenheiten, die sich in Kurt Walters Wirken durchziehen. Vor allem auch in jener Ausdrucksweise, die Kurt Walter wie keine andere beherrscht: Die Sprache der Malerei.

In seinen Bildern verfolgt er das Erzählerische, ebenso wie das Gegenständliche nur bis zu einem gewissen Grad. Jeder Schluss bleibt im Unklaren. Wann eines seiner Bilder fertig ist, weiß er, dafür hat er ein untrügliches Gefühl, ganz genau. Von außen mögen sie auf eine eigene Weise unfertig erscheinen. Trotzdem muten sie vertraut an. Man meint, Bildern, die man zum ersten Mal sieht, schon irgendwo einmal begegnet zu sein, wird verunsichert, schaut genauer hin. „Aber da war doch eben etwas, was ich kenne! Wo ist es denn?“

Kurt Walter – in internationalen Galerien bzw. deren Katalogen geführt zwischen – Vasarely, Victor – und – Warhol, Andy. Was für eine Malerei macht er? Darf man das? Ist das etwa gut oder gar schön? Warum macht er das?

Ich weiß es nicht. Aber ich weiß auch, dass es nicht notwendig ist, darauf Antworten zu finden. Es sind schlicht die falschen Fragen. Kurt hat sich nie um Reinheit geschert, um Reinheit im technischen Sinne, um einen durchgängigen Duktus, gleiche Farbpalette, gleiche Strichstärke oder Ähnliches. Er hat sich in keine Tradition gestellt, oder stilistische Forderungen formuliert.

Doch daraus den Schluss ziehen zu wollen, aktuelle theoretische Diskussionen um Kunst gingen an ihm vorbei, wäre falsch. Er ist stets auf dem Laufenden, zumindest was Malerei betrifft, wenn es ihm auch, zugegeben, keinen übertriebenen Spaß macht, darüber endlose Debatten zu führen. Keiner denke, man könne ihn mit Kollegen wie A. R. Penck, Georg Baselitz, Neo Rauch, Gerhard Richter und wie sie alle heißen, verunsichern. Er hat ein sicheres Urteil. Nur sich zu rechtfertigen für seinen eigenen Eklektizismus, dazu ist er selten geneigt. Auf die Frage, zum Beispiel, warum er eine Schablone verwendet hat, kann man schon einmal die Antwort erhalten: „Das geht schneller. Außerdem bekommt man jedes Mal genau die gleiche Figur hin“, oder ähnlich Lapidares.

Er kommt nicht auf die Idee, einen Bekannten zu porträtieren oder eine Staffelei in eine Landschaft zu stellen. Solche Eindrücke werden zunächst in seinem phantastischen Gedächtnis eingeschlossen, bevor sie eines Nachts in seinem Atelier bei Schlagermusik und Kunstlicht wieder abgerufen werden, aus seinem Bewusstsein hervortreten, um über Arm und Pinsel den Weg auf die Leinwand zu finden. Kurt Walters Bilder sind in diesem Sinne keine Beobachtungen, sondern eher Visionen, oder vielleicht Erinnerungen an Beobachtungen, die in der Gedächtnisarbeit sowohl getrübt als auch überhöht worden sind. Er lässt sie meistens zusammen mit den Geistern der Nacht, wie gesagt, bei schlechter Schlagermusik, auferstehen. Er wird dann zu einer echten Malsau. Also nicht etwa wie ein Francis Bacon, mit Anzug und weißem Hemd. Dann wird gesprüht, gespritzt, gemanscht und gekleckst. Seinen inneren Bildern gestattet er jede Freiheit, um sich auf der Leinwand zu verwirklichen. Bei solchen Gelegenheiten sieht man ihm selbst vom Scheitel bis zur Sohle an, welchen Beruf er betreibt. Auch dass er ausschließlich aus seiner Intuition im Augenblick malt, ist kein unumstößliches Statement. Da er es kann, hat er selbstverständlich schon Freunde und Bekannte porträtiert oder in Akten festgehalten. Er hat sich auch in Landschaftsskizzen probiert, aber soweit ich sehe, in letzter Zeit nicht mehr.

Trotzdem möchte ich Sie bitten, auch nach der Ausstellung mit Kurt Walter im Dialog zu bleiben. Der Maler führt einen intensiven Dialog mit seiner Leinwand. Er beobachtet sie, schlenkert Farbe darüber, wartet auf die Reaktion, pariert mit einer ganzen Serie Pinselstrichen usw. Wenn Sie sich dieses Dialogs, ausgetragen wie einen Ehekonflikt, gegenwärtig sind, dann können Sie ermessen, dass er mit der Fertigstellung nicht geklärt sein kann. Wenn Kurt Walter ihn auch für dieses Bild beendet haben mag, so gilt dies nicht für den zukünftigen Betrachter. Jedes Bild, da bin ich mir sicher, hat bei neuerlichem, eingehenden Betrachten etwas mitzuteilen. Daher meine Bitte: Führen Sie den Dialog mit Kurt Walter zumindest indirekt weiter, nicht über tägliche Anrufe, sondern indem Sie ein Bild von ihm erwerben. Vielen Dank, Kurt Walter, für die Bilder dieser Ausstellung!

Applaus braust auf, Kurt erhebt sich. Die Ovationen prasseln auf ihn ein. So oft wie heute in dieser Rede habe er seinen Namen noch nie ausgesprochen gehört, bekennt er und verbeugt sich in meine Richtung. Jetzt wisse er endlich, wie er heiße, er verbeugt sich noch einmal süffisant lächelnd und blickt entschuldigend ins Publikum, der boshafte Mensch. Bei einer der letzten Sammelausstellungen befreundeter Künstler habe ihm ein ehemaliger Professor bestätigt, er habe sehr schöne Bilder gemalt. Seine Bilder seien allerdings die einzigen gewesen, die der alte Lehrer sich habe anschauen können. Vor den anderen haben sich zu viele Besucher gedrängt. Ein Standard, ich kannte ihn zur Genüge, er hat sonst eigentlich fast immer gezündet. Im Publikum wird gelächelt. Wohlwollen steht in den Gesichtern. Kurt setzt noch einmal an, „Meine Bilder konnte sich mein Professor in Ruhe anschauen, da stand ja keiner.“ Jetzt kommen hüstelnd ein paar Lacher. Kurt heißt die Gäste ‚Willkommen’ und gibt die Ausstellung frei.

Der Oberbürgermeister gratuliert mir zu meiner Rede. Weitere folgen. Sie hätten heute einiges über Kurt begriffen. Ich muss sie immer wieder zu Kurt, um den es geht und dem das Lob gilt, leiten. Der kommt nach einer Weile und meint, er habe den Eindruck gewonnen, nichts mehr dazu zu sagen, wäre für ihn vielleicht doch besser gewesen. Er verkauft alleine bei dieser Vernissage sieben und während der Ausstellung noch weitere drei von vierundfünfzig Bildern. Üblicherweise wären insgesamt zwei oder drei ein Erfolg gewesen. Die Stadt kauft für das Standesamt ein Diptychon an. Es soll axial über den Tisch des Standesbeamten gehängt werden.

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