Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.2 Ottmar Schmieling Kommunikation 23

Fred begrüßt mich und bedauert, dass Philipp nicht da ist. Ich kann kann auch keine Auskunft, wo er steckt.

„Hab’ Dein Gespräch mit einem Jakob Bill gehört. Im Auto. Hatte leider nicht die volle Aufmerksamkeit.“

„Jakob Bill ist der Sohn von Max Bill. Der stellt in der städtischen Kunsthalle aus. Sein Vater hat nicht nur die Gebäude der ‚Ulmer Schule’, die Fortsetzung des Bauhauses auf westdeutscher Seite, entworfen und gebaut, er war auch Designer, Bildhauer und Maler. Otl Aicher hat mit Max Bill zusammen gearbeitet. Otl Aicher mit seinen Piktogrammen bei der Olympiade 1972 in München und den Sitzschalen unter dem Zeltdach von Günter Behnisch.“

„Ich weiß, ich weiß. Dieter Rams war bei Aicher.“ Fred hat sowohl Design als auch Philosophie studiert. Mit dieser Kombination fischt er immer wieder, wer weiß, wie ihm das gelingt, Lehraufträge bei den Medienwissenschaftlern ab.

Ich will es wissen. „Ihr hattet doch bestimmt auch früher so einen Schneewittchensarg von Braun.“

„Nein, aber in der Akademie, in der Fachhochschule für Design, hab’ ich natürlich solche Design-Klassiker mitgekriegt.“

„Bei uns zu Hause stand der auf einer Bertoia-Bank.“

„Genau, die Harry Bertoia Bank! Schmale Holzlatten auf zwei dreieckigen Ständern aus dünnem Rundstahl. Kein Mensch hat sich je darauf gesetzt. Wo die stand, war die immer nur Gestell für Blumen, Kleinplastiken, manchmal lagen Kissen darauf.“

„Die Bertoia Bank kragte bei uns im Wohnzimmer in den Raum. Sie stand fast frei, hat den Raum, Du weißt, wie das in den 60ern so war, in Bereiche geteilt. Sie war auch ganz tauglich um aus dem Sessel heraus genau in Griffhöhe eine Kaffeetasse abzustellen. Aktuelle Exemplare der Architecture d’aujourdhui und von Bauen + Wohnen lagen auf der Bank. Eine Nummer der Architecture d’aujoud’hui, ein Gebäude meines Vaters war darin publiziert, lag wie zufällig eine Zeit lang einzeln herum. Wenn Gäste kamen, wurde eine Schale mit Gebäck daneben gestellt und eine Kanne Kaffee und Kaffeegeschirr.“

Fred versteht, „Das Kaffeegeschirr von ‚Arabia‘?“

„Genau, Arabia!“, ich schreie auf.

„Arabia in anthrazit“, ergänzt er, „aus Finnland, absoluter Standard. Nachmittags im Atelier vom Icke. Ich erinnere mich genau.“

„Icke?“

„So ham wir unseren Professor für plastisches Gestalten genannt. Ich weiß gar nicht mehr, wie der richtig hieß. Der kam aus Berlin und wir ham ihn solange mit seinem ‚Icke’ aufgezogen bis er den Namen weg hatte. Von ihm habe ich das aktuelle Design.“

Ich schaue offenbar betroffen, mache eine entschuldigende Geste.

„Bei uns zu Hause gab es Gelsenkirchener Barock. Andererseits – so einen Architektenvater wie du ihn gehabt hast. Geht einem so etwas nicht auf die Nerven, wenn man selbst Architekt ist?“, fragt Fred.

„Was glaubst denn Du?Ich war immer ‚der Sohn vom Crossmann’.“

„Dein Vater ist doch schon vor Jahren gestorben.“

„Ja, aber auch noch, als ich selbst schon längst ein eigenes Büro hatte: ‚Das ist der Tom Crossmann.’ ‚Wer, bitteschön?’ ‚Tom Crossmann, der Sohn vom Günter Crossmann.‘ ‚Ach so.’“

Ich erkläre, „Du hast das Gespräch mit Jakob Bill erwähnt. Genau in dem Gespräch gab es so eine Vater-Sohn-Kiste. Ich bereite mich vor, habe aber keine vorformulierten Fragen, eher Themenkomplexe, die ich je nach Gelegenheit aus dem Hinterkopf abrufe.“

„Das ist ziemlich riskant. Ich habe nie so gearbeitet.“

„Warte, bitte! Die Dominanz des Vaters wollte ich unbedingt vermeiden anzusprechen. Ich habe im Gespräch den Blickkontakt gehalten. Die Spannung zwischen ihm und mir hat, weil ich mich auf mein Verbot konzentriert habe, zugenommen. Ich habe mich ganz darauf verlassen müssen, dass sich meine Gedanken automatisch vorne in meiner Klappe zu Sprache formen.“

Fred grinst.

„Immer wieder dieser selbst gesetzte Imperativ, dieser Prellbock auf der eigenen Spur. Ich habe gefragt: ‚War es nicht schwierig für Sie, im Schatten Ihres Vaters zu stehen?’“

Fred lacht. „Und? Wie hat er reagiert?“

„Der hat mit den aufgerauten Cch-lauten aus seiner Schwyzer Alpenholzkehle geantwortet: ‚Icch fühle micch niccht im Schotten meines Voters.’“

„Hast ’en in die Pfanne gehauen?“

„Ja, hab’ ich. Ein feinsinniger Mann. Ich war noch eine ganze Weile ziemlich zerknirscht.“

„Jetzt, wo du’s sagst, erinnere ich mich. Mir ist das gar nicht aufgefallen. Trotzdem insgesamt war es ein gutes Gespräch, finde ich.“

„Kannst sagen, was de willst. So eine Falle zu stellen, ist nicht gerade elegant gewesen. Ich hab’ mich anschließend raus geredet: Was soll ’s! So habe ich Jakob Bill Gelegenheit, Ressentiments aus dem Wege zu räumen, gegeben.“

„Du solltest dich nicht von dem Gedanken leiten lassen, wie Du auf andere gewirkt haben könntest!“

„Stimmt, das ist peinlich.“

„Vor allem ist es narzisstisch.“

Ich schüttele mich. „Davor sollte man sich hüten!“

„Tom weißt Du, was Narzissmus ist?“

„Narzissmus ist Selbstverliebtheit.“

„Das trifft ’s nicht ganz. Es ist mehr. Narziss, du erinnerst dich, hüpft über eine Bergwiese, freut sich über die Blumen und die Schmetterlinge. Er zupft seine Lyra und singt. Jäh verspürt er Durst und just in jenem Augenblicke öffnet sich der Blick auf einen Bergsee. Er beugt sich darüber, sieht sein Antlitz gespiegelt und augenblicklich verliebt er sich …?“

Fred schaut mich herausfordernd an. Ich antworte: „Na, in seine Fresse.“

„Eben nicht! Er verliebt sich in den Bergsee. … Der Bergsee ist der einzige, der in der Lage ist, ihm Bilder von sich zu zeigen, wie er sie gerne sieht. ‚Was ich an dir so mag, sind die Bilder, die du von mir hast.’“

Ich stutze.

„Das kennst du doch. Dir fällt doch bestimmt eine Beziehung dazu ein.“

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