Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.1 Gründer (8)

Plattenbausiedlungen oder kurz ‚Platte’ sagte kein Mensch. Es war eine Bezeichnung vor allem der überörtlichen Medien oder der Medien im Westen, wenn sie im Unterton einen Hauch von subproletarischem Aroma beigeben wollten. Ein Penner macht ,Platte‘. Hier hieß es ‚Neubau’. Es wird ähnlich gebraucht wie sonst ‚Neue Musik’. Komponisten der ,Neuen Musik‘ sind meistens tot. So auch wahrscheinlich die Architekten des fast 40 Jahre alten ,Neubaus‘, in dem ich wohnte. Es war eine elfstöckige Scheibe von ca. 120m Länge in einer 60er Jahre-Zeilensiedlung, hätte ich früher gesagt. Im Osten musste man 15 Jahre zugeben, also späte 70er.

Ich wohnte im Erdgeschoss. Es hatte einen Haupteingang, einen Windfang, in dem drei Wände mit Briefkästen und eine mit Klingelknöpfen bedeckt waren. Ein zentraler Lift erschloss die etwa 240 Wohnungen über einen Schacht. Er hielt nur in jedem dritten Stockwerk. Daran schlossen sich horizontale Gänge an, so dass man, über ein Geschoss aufwärts oder abwärts die Wohnungen in den Etagen dazwischen erreichen konnte. Drei Treppenhäuser und einzelne nach einem komplizierten System verteilte Wohnungseingangstreppen übernahmen diese Zugänge in der Vertikalen. In die langen Flure fiel nur durch wenige Fenster Tageslicht ein. Vor meinem Apartment summten Tag und Nacht Leuchtstoffröhren.

Meine Wohnsituation war zunehmend brenzliger geworden. Ein Anschlussauftrag, von meinem Bauherrn fest versprochen, hatte schon seit Monaten auf sich warten lassen. Ich hatte mich an das Wohnungsamt gewandt. Die hatten – ,Kein Problem, Herr Crossmann!‘ – jede Menge Wohnungen zur Auswahl gehabt. ,Gehen Sie zu der Wohnbaugesellschaft! Zahlen Sie Ihre Kaution, das sind drei Monatskaltmieten! Bringen Sie eine Bestätigung Ihres jetzigen Vermieters mit, dass Sie Ihre Miete gezahlt haben! Das wollen die sehen. Unterschreiben Sie! Und das war’s auch schon.‘

Genau das habe ich ja nicht mehr leisten können. Ich bin mittlerweile über ein Vierteljahr in Mietrückstand.“

Und da ist nichts zu machen?“

Ich habe keine Idee, wovon ich das zahlen soll.“

Im Gesicht der Sachbearbeiterin erlosch die mühsam am Glimmen erhaltene Notbeleuchtung. „Dann trag’ ich mal ‚von Wohnungslosigkeit bedroht’ ein.“ Sie gab sich keine Mühe mehr. Eine Art Verachtung, die zu ihrem Standardausdruck gehört haben musste, stellte sich ein.

,Wohnungslosigkeit‘. Ich hatte mich ja schon lange genug mit dem Problem beschäftigt. Sie sagte es einfach so. Es war das erste Mal, dass ich dieses Wort mir gegenüber, auf mich bezogen ausgesprochen hörte. Es schlug mit Wucht irgendwo in der Magengrube ein. Ich rappelte mich auf. Ich begann, was ich konnte, in Bewegung zu setzen. Mit allen Mitteln. Eindruck machen im Auftreten, mit Klamotten, Leute anpumpen.

Eine gemeinnützige Wohngenossenschaft lenkte ein. Ich sah, dass sich die Wohnungsvermittler-Genossen über den Unterschied zwischen meiner jetzigen bürgerlichen Gründerzeit-Wohnung mitten in der Stadt und dem Appartement in der 11-Geschosser-Wohnscheibe draußen, am Stadtrand, im Klaren waren. Mit Witzchen hier und Komplimenten da versuchte ich ihre Süffisanz zu überspielen. Gerade eben noch hatte ich eine Kaution, die in diesem Kreis Genossenschaftsbeitrag genannt wurde, zusammengekratzt. Fragen nach einer Bestätigung über frühere Mieten blieben aus.

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