Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.1 Gründer (28)

Eine Umhängetasche aus Leder, schlicht gestaltet, hing bei einem Trödler in der Altstadt. Abschnittsbevollmächtigte, sogenannte ABVs, hätten solche Taschen getragen. Aufnahmegerät, Mikrophon, Akkus, Notizblock und was sonst noch nötig war, passten perfekt hinein. Sie wurde zu meiner Basisausstattung.

Vorsicht, da kommt wieder der VEB Horch und Guck.“ Auf meinen Kontrollrundgängen wurden Hacken zusammengeschlagen, „Keine besonderen Vorkommnisse!“

Das ‚Quartiersmanagement’ von Weimar West hatte einen Poesie-Wettbewerb ausgeschrieben. Die Verse sollten, auf der Höhe der Zeit, per SMS gesendet werden. Über das Stadtradio warben sie dafür vor einem größeren Publikum.

Ich saß dem Quartiersmanager, einem Diplom-Ingenieur der Stadtplanung, in dessen Büro gegenüber. Stadtplanung und Architektur sind miteinander verbunden. Dasselbe Thema, Mikro, Makro, lediglich im Maßstab unterschieden. Der Kollege vor mir war in Stadtplanung ausgebildet. Ich fragte ihn beiläufig nach Siedlungsbauten von Ernst May, Walter Gropius, Bruno Taut und anderen Größen. Keine Lücken, er kannte sich aus. Auch im städtebaulichen Entwurf konnte er begrifflich mit räumlichen Elementen und Ordnungsprinzipien hantieren. Die Projekte, die er in seinem Quartier, in dem auch ich wohnte, plante, waren ein Event nach dem anderen, Sommerfest, Terrassenfest, Liederfest. Ich hatte noch vor Kurzem den Bebauungsplan für ein Unterzentrum in Jena auf meinem Zeichentisch. Die Umnutzung des Geländes einer Textilfabrik zu einer Wohnsiedlung. Eingangssituationen, Wohngärten, die Wegeführung für Fußgänger, die Gestaltung und Bemessung der Wohneinheiten. Mein Arbeitsplatz war von Skizzenpapierknäueln übersät gewesen. Hier hingen Fotos an an der Wand. Mein Gegenüber mit einer roten Kugelnase aufgeklemmt in verschiedenen Posen aufgenommen vorm Eingang unseres Rewe-Markts inmitten einer Gruppe Kinder.

Ob die Art, wie er Städtebau betriebe, nicht Methoden der Sozialpädagogik enthielte. Das wäre nicht ganz unverwandt, gab er zu, er machte Stadtentwicklung mit den Menschen, keine kalte Planung am Zeichenbrett oder Bildschirm, sondern, verstehen Sie, direkt am Menschen.

Die Hausbesetzer der Gerber riefen zu einer Krisenvollversammlung. Die alten Punks, die Punkophilen und andere wohlsituierte Bürger trafen zusammen. Ihr eigener Nachwuchs musste sich schon ermahnen lassen, abends rechtzeitig aus dem besetzten Haus nach Hause zu kommen, morgen sei schließlich Schule. Der Chef der Besetzer, asymmetrische, eingefärbte Haarbüschel, ein vom Staat mit ordentlichem Gehalt angestellter Sozialpädagoge war unbekannt verzogen. Er hatte seit Jahren die Gelder der Hauskasse verwaltet und hatte sie angeblich mitgenommen.

Im Funkhaus des Stadtradios waren die Türen zum großen Saal verschlossen. Der Manager hatte wie so oft das Erdgeschoss seinen Kollegen für einen sozialpädagogischen Workshop zur Verfügung gestellt. „Geschlechtskonstruktionen im Rechtsextremismus“ prangte auf einem frei Hand gestalteten Schild.

Ich spürte wie bei mir eine anfängliche Sozialpädagogophobie dazu tendierte, pathologische Züge anzunehmen.

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