Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.1 Gründer (10)

Philipp sitzt abends im ‚Nero‘. Er hat schon lange, bevor ich das ‚Nero‘ für mich wiederentdeckt habe, jeden Abend im ‚Nero‘ gesessen. Sein Vater ist Amerikaner. Er hat noch zusätzlich die Staatsangehörigkeit seines Vaters. Er hat als Profi-Radio-Moderator in etlichen Privatsendern Erfahrungen gesammelt. Vor dem Mikrofon spricht er so schnell und artikuliert, dass man ihm auch noch, wenn man nebenher etwas ganz anderes macht, zuhören kann. In unvorhergesehenen Situationen kann er in demselben rasenden Tempo improvisieren. Jetzt beim Stadtradio arbeitet er ehrenamtlich.

Der Abend beginnt mit einem Joint. Ein großes Blatt, der Tabak einer Filterzigarette, das klein gebröselte Gras, ein dünner aus Papier gedrehter Filter. Ist das Gras zu trocken, tauche ich, bevor ich die Gummierung des Zigarettenpapierchens fest drücke, die Kuppe des Zeigefingers in den Grauburgunder. Die Tüte eröffnet die Runde. Die Gehirnwindungen der Raucher beginnen sich wie die in der Abendsonne auf den aufgeheizten Granitsteinen des Bürgersteigs liegenden Katzen zu räkeln und einzurollen. Der abendliche Diskurs beginnt.

Die Rolle der Antiautoritären sei ganz ähnlich gewesen wie die Rolle der Jugendlichen heute im Osten. Mir kam die Gemeinsamkeit einmal beiläufig in den Sinn, ich werfe die These aus.

Spinnst Du? Die sind doch, wie ’s nur irgend geht, auf ihre Eltern fixiert. Gehorsamkeit ist auch im Betrieb das A und O. Hier reden erwachsene Supermachos, von denen du ’s nicht erwarten würdest, von ‚meiner Mutti’.“, fährt mich Philipp an.

Ich weiß.“

Ein Psychologiedozent hängt sich rein: „Ja und? Wie soll das denn zusammengehen mit Rebellion und Antiautoritarismus?“

Die Antiautoritären wollten sich nicht mehr vorschreiben lassen, wie sie ihre Freunde oder Freundinnen behandeln oder wie lange sie ihre Haare wachsen lassen. Die Nachbarn der Eltern sind abgeführt oder deren Kollegen sind entlassen worden. ‚Damals habt ihr euch um euch selbst gekümmert, jetzt haltet euch auch bitte aus unseren Angelegenheiten raus!’

So ungefähr lief es. Auch wenn die Eltern erwiesenermaßen im ‚Dritten Reich’ von außen betrachtet sauber geblieben waren. Die ganze ältere Generation hatte schon dadurch ihren Respekt verspielt, dass sie geschwiegen hatten. ‚Papi’ und ‚Mutti’ in aller Öffentlichkeit zu sagen, hätte sich bei uns auch das verwöhnteste Muttersöhnchen nicht gewagt. Die Revolution, an deren Vorabend sie zu stehen meinten, hatte nicht stattgefunden, oder war anders, als sie sich das vorgestellt hatten, ausgefallen. Deshalb blieb ihnen nichts übrig, als das Beste aus dem bisherigen Vorentwurf zu machen. Die hatten gegen bestehende Herrschaftsformen aufbegehrt und ihre Rolle in kommenden Gesellschaften vorbereitet. Als Folge ihrer Fehleinschätzungen hatten sie einen komplett neuen Entwurf machen müssen. Sie haben sich selbst neu erfinden müssen. Das Ergebnis sind Leute wie Joschka Fischer mit seinem Marathonlauf im Außenministerium oder Rainer Langhans, der in weißen Klamotten Polygamie in Armut gepriesen hat, oder der zahnlose Wolfgang Neuss, der Joints in Kette geraucht und propagiert hat usw. Alles Typen, die ohne den großen Aufstand so nicht entstanden wären. Letztlich sind wir hier das letzte Echo auf diese Zeit. Und wir fühlen uns hier ganz wohl, weil wir instinktiv merken, dass es denen hier gerade ähnlich geht.

Im Westen ist das Band zwischen den Generationen durch die Verweigerung der Jüngeren gerissen, hier haben sich die Verhältnisse so umgewälzt, dass eher die Jüngeren den Älteren was erzählen können als umgekehrt. In beiden Fällen gibt es den Riss zwischen den Genrationen und bei den Jüngeren hat sich hüben wie drüben jeweils eine ganze Generation neu erfinden müssen.“

Jede Generation muss sich erfinden.“, nörgelt Philipp.

Hier haben die Eltern und Lehrer keine Chance, ihre Schutzbefohlenen zu gängeln, weil sie schlicht nicht wissen, wo es lang geht. Wie willst du jemandem Vorschriften machen, wenn du weder in der gesellschaftlichen Organisation noch in den modernen Kommunikationssystemen weißt, woher der Wind weht? Wie sucht man von hier aus eine passende Wohnung? Wann soll man welche Versicherung abschließen? Welche Tücken sind bei einem Kreditvertrag eingebaut? Wie und bei welchem Anlass verschickt man eine Bewerbung mit Photo? Zu welchen Gelegenheiten fügt man Tondokumente bei? usw. usw. Außerdem besitzen die meisten Eltern nichts. Anschisse wie: ‚Wenn Du noch einmal so eine Schlampe nach Hause mitbringst, dann kannst du unsere Firma in den Wind schreiben.’ Wenn hier einer die Sprossen hinauf will, dann muss er die Leiter selbst anstellen. Bei den 68ern sind die Verbindungen zwischen den Generationen durch Protest abgebrochen worden und hier durch den Lauf der Dinge.“

Da war immerhin ein Ereignis, das auch als friedliche Revolution bezeichnet wird.“ Der Psychologiedozent scheint zu wissen, dass er Widerspruch provozieren wird. Was war die Wende eigentlich gewesen? Revolution, Konterrevolution oder eher eine neue Qualität in einem evolutionären Prozess? Philipp vertritt Konterrevolution, den Rückfall in den Kapitalismus, was einem Pfeifenraucher an dem Nebentisch zu hoch gehängt ist. „Das war doch nichts weiter als eine Pleite. Die, die was zu sagen hatten, haben die Situation ausgenützt. Die haben schrittweise ihr Führungspersonal eingesetzt und zum Beispiel in der Wohnungswirtschaft Marktgesetze eingeführt.“

Ihr habt alle gut reden. Keiner von euch hat so wie ich wegen versuchter Republikflucht gesessen. Ich weiß das, was wir mit der Wende erreicht haben, zu schätzen.“

Du willst doch nicht sagen, dass Freiheit bedeutet, nach Mallorca an den Ballermann fliegen zu können.“ usw.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.