Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.5 gaga 50

Ziel der Rückfahrt ist die Gerberstraße. Fred, stellt sich heraus, betritt zum ersten Mal das besetzte Haus. Er mustert die Naturstein-Bruchfliesen am Fußboden und die mit Holzpaneelen verblendeten Vermauerungen der Erdgeschossfenster.

Als oberer Abschluss wurden Schlitze für eine elektromechanische Belüftung gelassen. Fred bleibt an der Handschrift auf der Getränkeliste hängen. Tom hat hier einst ein Wasserglas ‚Glenfiddich‘ Single Malt für sieben Euro erstanden, eine seiner Standard-Stories über die ‚Gerber‘, die er in dem Zusammenhang oft genug zum Besten gegeben hat. ‚Glenfiddich‘ wird nicht mehr geführt. ‚Johnny Walker, ‚Red Label‘ kostet drei Euro ‚Tulamore Dew‘ ist fünfzig Cents teurer. Der Preis bezieht sich auf jeweils zwei Zentiliter. Mixgetränke mit Whisky, Gin oder Wodka kosten vier Euro. ‚Tullamore‘ ist mit einem ‚l‘ geschrieben. Zu essen gibt es Chili con Carne für fünf Euro und Chili con Carne-vegetarisch sowie Couscous mit Tofu jeweils für vier Euro zwanzig. Fred bestellt sich einen ‚Gin Tonic‘, alle anderen einschließlich Tom und Laura auch.

„Gin Tonic, die Malaria-Prophylaxe.“ Tom nutzt die Gelegenheit, diese Bemerkung aus Zeiten seiner Reisen in den Tropen wieder einmal anbringen zu können.

Freds Blick ist an das Motorrad, das ein wenig über Kopfhöhe an der Wand befestigt worden ist, geheftet.

„Fetisch Geschwindigkeit!“, wirft Laura ein, „James Dean, Marlon Brando. Hier ist alles ein bisschen später angekommen.“

„Sag das nicht! Iggy Pop ist mit ‚Wild one‘ noch Mitte der Achtziger herum getingelt. Außerdem, denk doch einmal an ‚Easy Rider!’“

Philipp bestätigt, lacht und fängt an den ‚Holy Modal Rounders-Hit‘ aus dem Filmzu trällern:

„If you want to be a bird
Why don’t you try a little flying
There’s no denying
It gets you high …“,

(„Wenn du ein Vogel sein willst,

warum versuchst du nicht ein bisschen zu fliegen,

weiche nicht aus,

es bringt dich hoch …“)

er ist nicht mehr ganz textsicher und schließt gleich den Schluss-Vers an,

„If you want to be a bird,
it won’t take much,
to get you up there.
But when you come down
Land on your feet!“

(„Wenn du ein Vogel sein willst,

gehört nicht viel dazu,

um dich hoch zu bringen,

aber wenn du runterkommst,

lande auf deinen Füssen!“)

Philipp und Laura deuten Applaus an. Philipp doziert, „Wenn sich die Moderne durch irgendetwas besonders auszeichnet, dann ist es die ‚Mobilität‘. In ‚Easy Rider‘ bringen das die Motorräder zum Ausdruck. Jeder beliebige Punkt in der Weite und Breite kann erreicht werden. Und mit Dope wird die Höhe, der Raum einbezogen. ‚Easy Rider‘ ist ein ‚Road Movie‘, Geschwindigkeit steht eher zurück.“

Fred ist nach wie vor auf das Motorrad fixiert. „Das ist aber keine Harley!“

„Fred, in Russland sind Harleys nicht allzu oft gebaut worden. Du hättest ebenso gut auf ein Zebra deuten und sagen können, ‚Das ist aber kein Pferd‘.“ Philipp fixiert ebenfalls das Motorrad, „Warte mal einen Moment!“

Er stellt sich vor das aufgehängte Motorrad, Fred schließt sich an. Ihre offenen Münder weisen sie als Neue aus. Es scheint sie nicht zu stören. Tom hat jede Bewegung der Beiden verfolgt. Laura bricht in Lachen aus. Auch Tom packt es, er kann sich kaum noch halten. Halbwegs wieder zu Luft gekommen, bemerkt er, „Der Distinguin und der Privileguan“, was Laura vollständig umhaut. Sie meint, „Hier ist alles so plastisch.“, womit sie es für Toms Empfinden wieder genau getroffen hat. Er ringt nach Atem.

Ihm fällt auf, „Wie in so einer Halbkugel.“

Laura versteht nicht.

„Die werden manchmal als Briefbeschwerer benutzt. Wenn man sie schüttelt, schneit ’s.“

„Wir sitzen in einer Schneekugel“, Laura jauchzt in heller Begeisterung, „Du hast es. Das ist alles so plastisch wie in einer Schneekugel.“

Selbst die Beiden vor dem Motorrad werden von Lauras Gekreische erreicht. Sie kommen zurück an den Tisch.

„Es ist ein ukrainisches Motorrad, eine ,Dnepr‘. Die sieht ganz ähnlich aus wie ein russisches der Marke, ‚Ural‘.“

Fred ergänzt, „Der Unterschied wird nur am Zylinderkopf deutlich. Der ist bei der ‚Ural‘ ein bisschen eckiger als bei der ‚Dnepr‘.“

Er muss etwas von Philipp aufgeschnappt haben.

„Russland hat nun einmal auch seine Vehikel, um die Moderne auszuleben.“, wirft Tom ein.

„Die Ukraine“ korrigiert Fred.

„Das Motorrad hat eine Bereifung für ein Gespann.“ knüpft Philipp an, „Ein Gespann hat eine asymmetrische Lenkung.“

An Laura gewandt, die mit fragendem Blick aufschaut, erklärt er, „Wenn Du mit einem Motorrad in eine Linkskurve fährst, dann legst Du Dich nach links in die Kurve. Mit einem Gespann beugst Du Dich genau zur anderen Seite, in dem Fall nach rechts aus der Kurve heraus. Die müssen, bevor sie es da oben aufgehängt haben, an einem Dnepr-Gespann den Sozius abmontiert haben.“

„Kann man denn damit überhaupt noch fahren?“ fragt Laura. „So wie es da hängt“, meint Philipp, „fliegst Du aus der ersten Kurve raus.“

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