Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.5 gaga 48

Ein Hotel-Garni zieht auf der Landstraße Richtung Erfurt vorbei, ein Gebrauchtwagenhandel, ein Gewerbegebiet. Hundert Meter abseits der Landstraße ein Verwaltungsbau mit vier Etagen und einem Parkplatz. Eine Stichstraße biegt von einer Zufahrtsstraße ins Nichts ab.

Auf dem Feld ein Schild, ,Gewerbegebiet Nord‘, darunter Email-Adresse und Telefonnummer eines Immobilienmaklers. Eine Wohnanlage aus mehreren zweigeschossigen Reihenhauszeilen schließt sich an, gefolgt von einem Autohaus und einem Baumarkt mit Parkplatz.

„Francois Lyotard, 80er, lese ich gerade, beschreibt die Bebauung zwischen Santa Barbara und Santa Monica so ähnlich – weißt schon … Los Angeles“, Tom knurrt Zustimmung von hinten, „… als postmoderne städtebauliche Struktur. Ein Patchwork-Teppich. Er stellt die Frage, was sich als Zentren nehmen ließe?“ Fred schaut nach hinten, bei seiner Fahrweise nicht vertrauenserweckend. Tom wehrt seine Versuche laut ab.

„Die haben natürlich keine alten Kirchen oder Marktplätze oder einen Dorfkrug oder ähnliches. Trotzdem scheut sich Lyotard nicht, das Problem zu lösen. Und weißt du, was er als Zentren ausfindig macht?“, stellt Fred die Frage, „Er bezieht das Immaterielle mit ein.“ Fred versucht wieder Toms Verblüffung anzusehen, beschränkt sich aber diesmal auf den Rückspiegel. „Er nimmt als Zentren die sich überschneidungsfrei pro Planquadrat abwechselnden Verkehrsfunksender.“

„Genau das ist ’s.“ Tom schaltet auf Begeisterung um. „Meine Worte! Ich habe immer darauf hingewiesen, auch das Stadtradio muss sich als virtuelles Zentrum begreifen.“

Fred führt aus: „Das ist ziemlich clever! Nach dem Konzept hat er eine Ausstellung im Centre Pompidou gemacht.“

„Der ist doch kein Ausstellungsmacher. Der ist Philosoph, einer von den Poststrukturalisten.“

„Gerade als solcher hat er mit eben jenem Titel, ‚Postmoderne und Immaterialität‘, derselbe Titel, den auch sein kleines Bändchen hat, eine Ausstellung arrangiert. Der Besucher bekam einen Kopfhörer mit Empfangsteil aufgesetzt und hat dann in abwechselnden Planquadraten der Ausstellungsfläche, technische Informationen, Musik, Geräusche, literarische Zitate, eben verschiedene Informationen zu den ausgestellten Objekten empfangen. In den Quadraten wurde überschneidungsfrei gesendet.“

Fred lenkt den Volvo in eine alte Hofreite. „Am Schluss deines Ausstellungsbesuchs hast du einen Grundriss der Ausstellung mit dem eingetragenen Weg, den du zurückgelegt hast, ausgehändigt bekommen.“ Er deutet auf die Scheune. „Da geht’s rein.“

Das Dach ist mit Schieferschindeln neu gedeckt und unregelmäßig mit Dachflächenfenstern versehen. Der Hausherr winkt vom oberen Ende einer Holztreppe und fordert auf, hoch zu kommen. Der Dachraum erstreckt sich fast über die gesamte Länge. Die Giebelseite, offenbar die Südseite, ist zu einem dichten Baumbestand vor der Scheune verglast. Die Kronen werden aus dem Innenraum der Wohnung angestrahlt. Ein Schrank und die Installationswand für die Küche strukturieren die Fläche in Bereiche. Die Holzkonstruktion des Dachstuhls ist ohne Kompromisse sichtbar gelassen. Durch die Fensteröffnungen im Dach dringt dämmriges Licht über eine Wandfläche. Eine wohnraumhohe Topfpflanze ist zu erahnen. Am hüfthohen Kniestock der Dachschräge läuft ein Sideboard die gesamte Länge des Raums entlang. Tom entfährt ein „Wow“. Die Organisation und Möblierung eines Lofts, wie es in einer urbanen Metropole erwartet werden könnte, verbindet sich mit der Idylle ländlichen Wohnens. Auf einem niedrigen Holztisch eine marokkanische Wasserpfeife, daneben eine mit Intarsien gearbeitete Holzschachtel. Der Hausherr öffnet sie und reicht sie zur Begutachtung eines Blütenpollen-Zero-Zero herum. So sieht Zero-Zero aus und so muss er sein. Philipp und Fred ziehen einen rein. Laura und Tom halten sich zurück.

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