Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.5 gaga 46

Fritz, er will den nächsten Zug nach Berlin nicht verpassen, verabschiedet sich. Ronald wird erst morgen wieder seinen Arbeitsraum betreten, oben auf dem Ettersberg, das KZ-Gedenkstätten-Büro in einem der ehemaligen SS-Häuser.

Wie es denn so im Tagesbetrieb der Radioredaktion gehe, erkundigt er sich.

Tom zetert.

Kein Teamgeist. Eine Redaktion muss auch als Gruppe erfahrbar werden.

Warum eine Gruppe nicht gerade in einer Radioredaktion als Gruppe von Individualisten arbeiten könne, insistiert Ronald.

Überkommene Macht- und Entscheidungsstrukturen. Das Prinzip Befehl und Gehorsam sitzt in den Köpfen fest. Das hemmt. Die Leute bleiben hängen.

Ronald will ’s wissen, „Woran liegt ’s?“

„Manchmal denke ich, hier hat eine antiautoritäre Revolte, ein Einbruch in die bürgerliche Moral, so etwas wie die 68er im Westen gefehlt.“

„Prager Frühling, Alexander Dubcek, die Vision von einem demokratischen Sozialismus“, entgegnet Ronald, „Im Westen wurden Kaufhäuser in Brand gesteckt. Jan Pallach hat sich selbst angezündet.“

„Nicht nur das.“ entgegnet Tom. Sie gehen gemeinsam stadteinwärts, Richtung Altstadt. „68 ist eine Einheit gewesen. Beat Musik, Pop Art, Anti Baby Pille, Anti-Vietnamkrieg-Proteste und psychedelische Drogen sind alles nur verschiedene Erscheinungsformen von etwas gewesen, was als neuartig und in jeder Hinsicht revolutionär daher gekommen war. Andy Warhol, Jimi Hendrix, Sigmund Freud, Ho Chi Minh und Timothy Leary wurden als verschiedene Vertreter ein und derselben Erscheinung empfunden. Kam eine im Minirock daher, konntest du sicher sein, dass sie Gegnerin des Vietnamkriegs war. Du konntest ihr einen Joint anbieten und sie fragen, ob sie hier irgendwo eine ‚Kommune‘ – damals die Bezeichnung für WG …“

Ronald lacht und sagt: „Ich weiß“

„ … ob sie eine Kommune kenne, wo man heute Nacht was zum Pennen finden könne.“

Tom ergänzt, „Heute ist der Antiautoritarismus in der zweiten Runde und wie alle Ereignisse, die in die Wiederholung gehen, werden sie von der Tragödie oder vom Drama zur Farce. ,Bürger lasst das Gaffen sein, kommt herunter reiht euch ein!‘, tönte es bei den Antiautoritären gegen die Konformität ihrer Mitbürger. Heute proben die Spießer selbst den Aufstand. Du könntest es wieder rufen. Schluss damit, von Intellektuellen bevormundet zu werden, auf dem Arbeitsmarkt mit Ausländern konkurrieren zu müssen, sich von Schwulen in Musik und Textilmode den Lebensstil ansagen zu lassen. Sie gehen in Scharen auf die Straßen und wehren die Islamisierung des Abendlandes ab.“

„1968 lag das Ende des II. Weltkriegs so weit zurück wie der Fall der Mauer von heute aus.“, wirft Ronald ein, „Die Mauer war als ‚antifaschistischer Schutzwall‘ errichtet worden. Hannah Arendt hatte die Banalität im Bösen entdeckt. Künstler, wie Imre Kertez, Anna Seghers, Jorge Semprun, Jean Amery, Nelly Sachs, Paul Celan und wer weiß, wer sonst noch alles seine Arbeiten dem Thema gewidmet hat. Auch die 68er haben ihre Identifikation vom Antifaschismus abgeleitet.“

Tom bestätigt.

„Du führst Andy Warhol an, den König der Pop Art.“, holt Ronald aus, „Boris Lurie, ein Zeitgenosse, war einer seiner Kollegen unter den Malern. Hier im ehemaligen KZ hatte er eine Ausstellung. Der Leiter der KZ-Gedenkstätte, Volkhard Knigge, oder eigentlich seine Partnerin, Naomi Tereza Salmon, eine israelische Foto- und Medien-Künstlerin zusammen mit ihm haben ihn hierher geholt. Naomi Tereza Salmon ist wie Boris Lurie Mitglied in einer Künstlergruppe, bzw. Anti-Kunst-Bewegung mit dem Namen ‚NO!art‘. Der Maler war von dem Pop Art Publikum ignoriert worden. Er hat in mehreren KZs gesessen. Irgendwie hat er es geschafft zu überleben. Er ist bald nach Kriegsende in die USA ausgereist und hat dort gemalt. Er hatte Talent. Viele malten noch wie er figürlich expressionistisch. Er hätte mit seinen Arbeiten spielend mit den zeitgenössischen Malern in Wettbewerb treten können. Er hat sich gesträubt. Es ging nicht. Der Kunstbetrieb war ihm zuwider. Seine Eindrücke saßen zu tief.“

„Hat er keinen Galeristen gefunden?“

„Nein, er hat zum Beispiel Menschenmassen gemalt, wie sie in die Öffnung eines brennenden Ofens strömen. Zwei ausgehungerte Gefangene als Wächter vor dem Krematorium, trostlose Bilder. Er wollte nicht, dass sie in dem Kunstmarkt als bitterer Geschmacksverstärker beigegeben werden, damit die Erscheinungen der Pop-Art-Objekte nur umso glatter im Auge des Betrachters glänzen können. Ende der Vierziger sah er im ‚Time-Life-Magazine‘ Bildreportagen über die Öffnung der KZs. Bilder von Leichen der Gefangenen neben Werbung für Schönheitsmittel. Er reflektierte diesen Eindruck in eigenen Bildern. Über eine Abbildung von Leichen, sie waren auf einem offenen Wagen gestapelt, klebte er den nackten Hintern eines Pin ups.“

„Entschuldige bitte! Das ist zu hart. Die äußerste Kante der Provokation. Wie soll sich das denn mit dem Respekt vor den Opfern vertragen?“

„Es gab Proteste, auch von jüdischer Seite. Boris Lurie hat, auch wenn sein Respekt vor den Opfern ausgeprägt war, nie selbst die Haltung eines Opfers eingenommen. Im Umgang mit dem Thema Holocaust war er empfindlich. Den jüdischen Akzent, den, zum Beispiel, Art Spiegelman seine Mäuse in seinem Comic, ‚Maus, die Geschichte eines Überlebenden‘, sprechen lässt, hat er als Verspottung verurteilt.“

Die Beiden nähern sich dem kleinen Tempel-Palazzo des Stadtradiogebäudes. Sie bleiben davor stehen. Tom möchte noch sein Equipment oben verstauen.

„Wie kam er denn über die Runden? Er hat doch, wie du sagst, nichts verkauft.“

„Er hat spekuliert. Mit Immobilien und an der Börse. Als er starb, hat er 80 Millionen Dollar hinterlassen.“

„Dann hat er es sich wohl ganz gut gehen lassen, als Künstler außerhalb der Kunstszene?“

„Er hat in einer relativ kleinen Wohnung gelebt, die er mit seinem Kram, seiner Kunst, Erinnerungsstücken und den Materialien, die er verarbeiten wollte, zugestellt hat. Das Ganze einschließlich seiner Kunstwerke war zudem ungepflegt, oder besser gesagt runtergekommen, am Rande zur Verwahrlosung. Er soll gesagt haben, es ähnele seiner Unterkunft im KZ.“

„Ein Punk! Er war lange vor der Zeit der Vorläufer eines Punks.“

„Sei nicht albern!“, ermahnt Ronald.

„Ich habe kürzlich mit ein paar Leuten diskutiert. Es ging um Punk. Die Message ist doch, dass Deformationen, die man von außen, von seiner Umwelt bezogen hat, zu Bestandteilen der Identität, zu Elementen der Selbstdarstellung von innen nach außen hin werden lässt.“ „Boris Lurie hat in den KZs gesessen. Bedenke bitte, dass seine Schwester, seine Mutter und die Geliebte seiner Jugend von den Nazis ermordet worden sind. Er hat nicht nur gemalt, er hat auch geschrieben. Zu der Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte mit ihm als Hauptvertreter der Gruppe ‚NO!art‘ ist ein Katalog heraus gekommen. Boris Lurie hat ihm in einer baltisch-deutschen Schreibweise den Titel, ‚Geschriebigtes Gedichtigtes‘, gegeben. Darin schildert er, zum Beispiel, wie eines Abends die Gefangenen aus ihren Baracken heraus kommandiert werden. Sie marschieren in Fünferreihen zu einem Holzgerüst ins Zentrum des Lagerplatzes. Sie haben schon Tage zuvor mit angesehen, wie ein Galgen errichtet worden ist. Einer inmitten der Versammlung redet, erst in Deutsch dann in Polnisch. Ein Junge wird auf einen Stuhl gestellt. Er ist Schlosser. Er hat einem SS-Mann mit dem Montierschlüssel eins über den Schädel gezogen. Er sagt etwas und ruft, ‚Lang lebe die rote Armee und die Sowjetunion! ‘. Der Lagerälteste stößt den Schemel weg. Alle schweigen. Einer nach dem anderen nimmt seine Mütze ab. Sie gehen zurück in die Baracken.“

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