Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.5 gaga 43

„Ich bin Pat Herberger“, noch einmal, „und ich hab jetzt hier Besuch. Bei mir ist jetzt der Ministerpräsident des Landes – Schön, dass Sie da sind!“, kein Wort zu seinem Namen oder dem Anlass.

„Ja, es freut mich.“

„Em – wir hamm in der letzten Zeit selten Gelegenheit gehabt miteinander zu reden. Es ist schön, dass es mal wieder geklappt hat!“

– sie ist aufgeregt, sie hat keine Notizen. Das ‚Em‘ und Doppler-Sätze ist man von ihren ‚Ungeschnitten –Beiträgen‘ nicht gewöhnt. Sie scheint ganz auf Spontaneität setzen zu wollen –

„Em – ich habe gerade eben gelesen, dass Herr Erdogan jetzt auch die ‚Times‘ verklagen will, weil die als Anzeige ’n offenen Brief von verschiedenen bedeutenden Künstlern veröffentlicht haben, die ihn kritisieren. – em – In der letzten Zeit hamm wir uns ja sehr viel mit der – em – dem Thema und Erdogan beschäftigt. (Der Fernseh-Comedian J.B. hat es geschafft mit einem Schmähgedicht gegen Erdogan dessen Zorn zu erregen und in die Schlagzeilen zu kommen. Pat Herberger spielt auf diese hauptsächlich in der Boulevard-Presse ausgeschlachtete Posse an.)

Was ich mich frage, warum macht der das? Also ich, zum Beispiel mag J.B. (den Fernseh-Comedian) überhaupt nicht – es gibt viele Leute die den nicht kennen – em – warum macht der Erdogan das? – ich versteh ’s nicht – Also …“

Bodo Ramelow weist wohlwollend auf ein Versäumnis in ihrer Recherche hin: „Es geht um ’ne Binnenentwicklung in der Türkei. Ich habe ja vor einigen Tagen einen umfassenden Meinungsbeitrag im Cicero veröffentlicht, wo ich mich zur Frage der türkischen Entwicklung äußere, aber auch zu Fragen von Friedensverhandlungen und da spielt die Frage eine Rolle, wie geht die Republik der Türkei, wie geht der Staat mit seinen Bürgern um, wie geht er mit den Kurden um, was ist eigentlich mit dem scheinbar völlig vergessenen Konflikt und der juristischen Auseinandersetzung um die PKK, was ist mit Herrn Öcalan, wäre es nicht langsam an der Zeit Friedensverhandlungen mit den Kurden in der Türkei selber zu führen … Man muss sich damit inhaltlich auseinandersetzen und nicht strafrechtlich, es sei denn, es ist eine persönliche Beleidigung. Das müssten dann aber die Staatsanwälte feststellen. Und deswegen hätte Herr Erdogan es ganz einfach gehabt.“

Pat Herberger: „Und warum kann da die Bundesregierung nicht einfach sagen: Die Meinungsfreiheit ist in Deutschland ein unabänderliches Recht. Wir setzen uns damit nicht auseinander, wenden Sie sich bitte an den Staatsanwalt!“

Bodo Ramelow: „Das hätte in dem Telefongespräch zwischen der Bundeskanzlerin und ihm eventuell gesagt werden müssen, da ich aber nicht mit telefoniert habe und auch keinen Mitschnitt haben möchte, kann ich einfach nur sagen, es wäre schön gewesen, wenn die Bundeskanzlerin das genau gesagt hätte und anschließend auch öffentlich gesagt hätte, dass sie es gesagt hat. …“

Pat Herberger: „Em – Unabhängig jetzt – also wir wollen über den EU-Deal mit der Türkei ja später noch ganz kurz reden – em – ist das jetzt – es entsteht der Eindruck, dass, um diesen merkwürdigen Deal zu retten, jetzt tatsächlich die Meinungsfreiheit in Deutschland aufs Spiel gesetzt wird. Ist das tatsächlich so schlimm oder nimmt man das falsch wahr?“

Die Beiden in dem Glaskasten haben Tom in ihren Bann gezogen. Der Lokalnachrichtenredakteur guckt aus seiner Ecke herüber, zieht die Augenbrauen hoch und zuckt mit den Schultern. Die Konfliktlage in der Stadt ist überspannt. Überregionale Leuchtturmfunktionen werden von der Landesregierung unterbewertet. Staatliche Sonderzuweisungen für Nationaltheater, Museen, Konzerte, Gedenkstätten sollen gekürzt oder gestrichen werden. Man müsse auch, heißt es, auf der Ebene der Kommunen dem Prinzip Gleichheit folgen. Die städtische Seele kocht. Pat Herberger müsste davon gehört haben. Sie scheint stattdessen auf ‚Turkophobie‘ zu setzen. Einstimmigkeit stellt sich nicht ein.  

Er antwortet: „ … Ich würde mich freuen, wenn wir die Türkei auffordern würden, offensiv in die EU-Beitrittsverhandlungen mit uns weiter zu gehen. Dann sind die Standards nämlich festzulegen und die Standards, die für uns gelten, müssen für jeden Beitrittskandidaten gelten. Wenn wir also mit der Türkei ernsthaft reden wollen, über Meinungsfreiheit, über Gewaltenteilung, über Pressefreiheit, all diese Dinge, dann müssen sie alle im Rahmen der Beitrittsverhandlungen stark thematisiert werden, und dann müssen wir die Menschen stärken und schützen und ihnen den Rücken stärken, die auch in der Türkei für den Ausgleich der unterschiedlichen Religionen, der unterschiedlichen Ethnien sind. … “

Pat Herberger: „Darf man denn überhaupt – ähm – weil wir jetzt schon dahin zurückgekommen sind – darf man überhaupt mit so ‚m Staat wie der Türkei so ’n Deal schließen, wie die EU das getan hat. Also ich hab‘ da aus zwei Gründen so meine Zweifel. Zum einen – Sie haben ja gerade verschiedene Sachen angesprochen – die Menschenrechtsverletzungen in der Türkei – kann man jeden Tag in der Zeitung nachlesen. Ein Freund von mir sagt, er fährt da nicht hin, er fährt nicht in Länder, in denen gefoltert wird – das zweite ist – die Beitrittsverhandlungen. Kann es nicht sein, dass durch diesen Deal …? also … so nach dem Motto, wir hamm doch jetzt sowieso schon ’n Vertrag, wenn wir jetzt in die EU wollen, nehmen wir doch das mit dem Beitrag … mit den Beitrittsbestimmungen nicht mehr ganz so genau, weil wir sind ja jetzt schon Partner. Also das sind so die beiden Dinge, wo ich so meine Zweifel habe, ob man überhaupt so ’n Deal – wie der geschlossen wurde, unabhängig davon, dass ich den schrecklich finde – mit so ‚m Staat schließen darf.“

Der Ministerpräsident erklärt: „Man hat ihn ja geschlossen. Die Frage, ob ich jetzt der Meinung bin, man hätte es nicht tun sollen, ist irrelevant. Man hat ihn geschlossen. Und auf dieser Basis werden im Moment Menschen aus Griechenland, die als Flüchtlinge in Griechenland angekommen sind, auf Fähren gesetzt und in die Türkei zurückgeschickt und im Gegenzug werden dafür in der gleichen Anzahl – eh – syrische Menschen aus der Türkei offenbar auf den Weg in Richtung Bundesrepublik gebracht. Ich halte das für einen fatalen Weg. Ich würde es besser finden, wir würden offensiv: Ja ich bin für Verträge mit der Türkei. Ich bin auch dafür, dass wir offensiv mit der Türkei über das Beitrittsverfahren reden. Die Türkei ist ein Beitrittskandidat. Wir haben viele der Beitrittsverhandlungen einfach schleifen lassen. Und der Maßstab muss sein, das, was für uns als europäische Kernstruktur wichtig ist, muss die Grundlage der Verhandlungen sein. Und Ihrem Freund würd‘ ich aber den Tipp geben, wenn er nirgends mehr hinfährt – eh – oder Urlaub machen will, wo gefoltert wird, da war ’n auch ’n paar europäische Staaten dabei, weil auch die Folterflüge, die die CIA organisiert hat und die dann nach Guantanamo geführt haben, sind teilweise über europäische Flughäfen gelaufen – em – insoweit müssten wir uns bei der Frage Folter im globalen Maßstab auseinandersetzen, wir müssen aufpassen, dass wir nicht nur über andere reden, wenn wir sozusagen – eh – eigene Perspektiven dabei vergessen und – eh – ich bleibe dabei, auch das Thema Drohnenflüge, die von Deutschland aus gesteuert werden, sind keine exterritorialen Kriegsgeschichten, sondern sie finden über die Bundesrepublik Deutschland statt und das alles darf man auch nicht aus dem Blick verlieren, dass wir eigentlich eine andere Perspektive für dieses Europa brauchen. Wir brauchen eine Perspektive für ein friedliches Europa, für ein Europa, das weltoffen und – eh – schützend für Menschenrechte eintritt und wir brauchen ein Europa, das seine Hausaufgaben gemeinsam macht und dazu gehört auch, dass zwei Millionen Flüchtlinge im vergangenen Jahr angesichts von 500 Millionen Einwohnern in Europa eine lösbare Aufgabe gewesen wären.“

Pat Herberger: „So isses. Wir hamm uns jetzt vom Herrn J.B. (Fernseh-Comedian) ’n bisschen entfernt. Ich bedanke mich bei Ihnen, dass Sie Zeit hatten, einmal bei mir vorbeizuschauen. Wir werden jetzt ein anderes Lied, von dem wir hoffen, dass uns dafür niemand verklagt, spielen. Vielen Dank und ’n schönen Tag!“

Es folgt ein Lied von Diddi Hallervorden (ebenfalls Fernsehspaßmacher, der sonst mit allgemeinen Alltagsblödeleien arbeitet)

Erdoğan, Erdoğan,

zeig mich bitte auch mal an.

Erdoğan, Erdoğan,

mein lieber Schwan!

Bist ein großer Werbemann.

Erdoğan, Erdoğan,

mach auch meinen Song bekannt!

Erdoğan, Erdoğan,

Sei nur einfach wutentbrannt!

Ich sing einfach was du bist:

ein Terrorist!

Der auf freien Geist

nur scheißt.

Erdo, Erdoğan,

usw.

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