Le Lotte nella Radio di Weimar – Kap.5 gaga 2

Tom bereitete sich unten im Studio vor, einen Text einzusprechen. Er hatte, um dem Eifer und der Ausdauer anderer Radiobeitragsmacher vorzugreifen, früher angefangen.

Die Tür stand offen. Einer kam herein gelaufen. Ob dies das Stadtradio wäre. Ja, wäre es und er arbeitete hier als Journalist, oder wie er sonst einen, der bei einem Stadtradio Beiträge machte, nennen wollte. Was das da hinter Tom für ein Raum wäre. Das wäre ein Sendesaal, Vortragssaal, Sendestudio, Konferenzraum, je nachdem wie es genutzt würde. Der Eindringling notierte in ein kleines Buch. „Sind wir ja gewissermaßen Kollegen.“

„Ja, sind wir, nur arbeite ich mit einem Mikrophon.“

Es folgten noch jede Menge Standardfragen nach Finanzierung, Arbeitsplänen, Inhalten etc. Höflich gestellte Fragen verdienten ehrliche Antworten. Tom gab ihm, es waren keine Geheimnisse, die Auskünfte, die er haben wollte.

„Gut zu wissen, wo sie sind!“ meinte er.

Kurz darauf zwei weitere, einer davon mit Kamera auf der Schulter. Sie kämen vom ZDF. „Den Dusel, den ihr gehabt habt im NSU-Prozess“, das wäre ja, wie er sagte, „der Mega-Bringer, wirklich toll!“ Er nickte breit grinsend.

Tom verstand nicht. Der ohne Kamera bemerkte seine Ratlosigkeit und spielte auf das Verfahren der Akkreditierung im NSU-Prozess an. Neben ihnen selbst, dem Spiegel, der Magazinredaktion der Süddeutschen Zeitung und vielen anderen wäre auch das Stadtradio Weimar per Losentscheid dabei. „Das Stadtradio und die ‚Brigitte‘ haben’s geschafft und die FAZ mit ihrer Viertelmillionenauflage nicht, hahaha, wirklich der Mega-Bringer.“

Er war platt. Ein Ereignis, dessen Zusammenhänge ihm fehlten, muss durch die Presse gegangen sein. Wegen der Akkreditierung im NSU-Prozess hatte es vor ca. zwei Monaten in München Stunk gegeben. Zwei Stunden nach Bekanntgabe waren alle Plätze vergeben gewesen. Die türkische Presse war insgesamt zu kurz gekommen und war eingeschnappt. So weit war er noch auf dem Laufenden. Bisher hatte für die Medienvertreter, wer zuerst kommt, mahlt zuerst, gegolten. Nach den Protesten der Türken hatten Sie beschlossen das gesamte Verfahren über die Verteilung der Presseplätze in einem Losverfahren zu wiederholen. Und jetzt im zweiten Anlauf sollte das Stadtradio in das Losverfahren eingestiegen sein und außerdem auch noch einen Platz im Gerichtssaal ergattert haben?

In der Redaktion mauerten sie manchmal gegen Tom, nichts Neues und nichts Ungewöhnliches in autoritären Hierarchien, Informationsvorsprung gleich Machtüberhang. So ein Vorhaben allerdings hätte doch irgendwie durchsickern müssen. Aus München müsste im Falle einer Akkreditierung fortlaufend eine Prozessbeobachtung gebracht werden. Alles andere würde keinen Sinn ergeben. Tom stand, zumal er nach wie vor mit der jungen Anwältin den ‚Ratgeber Recht‘ machte, Rechtsangelegenheiten am nächsten. Er geleitete das Kamerateam nach oben. Sie bauten auf, um auf einem Stativ von der Eingangstür aus, mit großer Brennweite, wie man auf einem Interface ihrer Kamera mitverfolgen konnte, die gesamte Redaktion ins Bild zu bekommen. Sie hatten einen Weitwinkel annähernd wie ein Fischauge vor der Kamera. Der Interviewer wollte Chefarztbehandlung. Er hatte Glück. Pat schien die Beiden schon erwartet zu haben. Es stellte sich nach und nach heraus: Der letzte Chefredakteur des Stadtradios, Fritz Burschel, der noch vor Toms Wiedereinstieg gegangen war, hatte sich im ersten, dem beanstandeten Verfahren rechtzeitig als ständiger Prozessbeobachter eingetragen und hatte Erfolg gehabt. Soweit war es in der Redaktion herumgereicht worden, auch Tom hatte davon Wind bekommen. Er kannte ihn ganz gut. Als Chefredakteur beim Stadtradio war er bei jedem größeren Ereignis mit Neonazibeteiligung als Berichterstatter vor Ort gewesen. Alle hatten Respekt. Oft hatte er sich mit Gelassenheit und Geduld im Hintergrund gehalten, um im entscheidenden Augenblick mit einer Berichterstattung, wenn nötig auch aus dem Stegreif, auf Sendung zu gehen. Bei einem ‚Bürgerbündnis gegen Rechtsradikalismus‘ trug er die Arbeit wesentlich mit. Die Mitglieder im NSU, dem sogenannten nationalsozialistischen Untergrund, deren konspiratives Umfeld, deren Sympathisanten, die V-Leute hatte er schon im Blickfeld gehabt, als sich sonst nur die Verfassungsschützer um diese Neonazi-Gestalten gekümmert hatten. Jetzt arbeitete er bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung und als freier Journalist. Er musste bei dem zweiten, dem Losverfahren, als Heimatadresse seines Verlags oder Senders, womit er nicht einmal geblufft hatte, das Stadtradio angegeben haben. Er stand mit dem Stadtradio noch ständig in verschiedenen Angelegenheiten in Korrespondenz. Der Kameramann machte Tom nervös. Sich in der Kulisse der ZDF-Nachrichten wiederzufinden, gehörte nicht zu der Art von öffentlichem Auftritt, den er suchte. Er schlug, um weiterhin seinen Text einzusprechen, den Weg die Treppe hinunter ein. Was weiterhin in der Redaktionsetage geschah, schaute er sich abends im ZDF in „heute“ an. Pat hatte einen Mordsauftritt. Sie verteidigte die Haltung des Stadtradios. Ihre Mimik wurde von ihrem Haar, bei einem imaginären Windstoß zu roter Zuckerwatte erstarrt, umspielt. „Wenn man eine Entscheidung, wie sich auf ein Losverfahren einzulassen, trifft, dann muss man auch dann, das gebietet die Fairness, wenn ein Kleiner in der Runde begünstigt wird, dazu stehen.“ Sie verteidigte mit Überzeugung ihren Sender. Im Übrigen wäre der Kampf gegen den Rechtsextremismus nicht erst seit heute ein Thema der Stadt und somit des Stadtradios. Nebenan läge bekanntermaßen das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald. Das Stadtradio nähme diese dauerhafte Mahnung auf. Berichterstattungen über antifaschistische Initiativen wären fester Bestandteil des Programms.

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